1. Einleitung
1.1 Ausgangspunkte
Meine These lautet: Trotz ihrer außergewöhnlichen Leistungsfähigkeit
leiden die westlichen Marktwirtschaften an erheblichen Mängeln in
ihrem monetären Transaktionssystem. Ohne diese Mängel wären
sie nicht nur noch leistungsfähiger, sondern auch fairer und sozial
gerechter.
Die nachfolgenden Überlegungen machen sowohl die Mängel des
Geldsystems als auch die Möglichkeiten, es zu verbessern, bewußt.
Sie sind an sich sehr einfach. Außerdem stimmen sie durchaus mit
der modernen Geldtheorie überein. Sie hat herausgearbeitet, daß
das Geld im Wirtschaftsverkehr Informations- und Transaktionskosten einspart
und dadurch die ökonomische Kommunikation preiswerter macht: Mit Hilfe
von Geld wird der Bereich profitabler Transaktionen ausgedehnt, wodurch
zugleich die Grenzen für rentable Produktion und erreichbaren Konsum
hinausgeschoben werden. So verbessert Geld die allgemeine Wohlfahrt. Aber
es wird sich zeigen, daß das herkömmliche Geld selbst wiederum
vermeidbare und störende Transaktionskosten in die Wirtschaft hineinträgt
und daß es daher verbesserungsbedürftig ist.
1.2 Verständnisschwierigkeiten
Obwohl die folgenden Überlegungen sehr einfach sind, stoßen
sie in den Köpfen der Menschen auf Widerstand. Sie scheinen bewährter
Praxis und vertrauten Theorien zuwiderzulaufen. Doch nicht die neuen Ideen
selbst sind schwer zu begreifen. Schwierig ist nur, sich von den alten
Vorstellungen, die uns noch fest im Griff haben, zu befreien (Keynes, 1936,
S. VIII). So sind beispielsweise noch immer so gut wie alle Ökonomen
davon überzeugt, daß unser Geld, abgesehen von geringen Vorbehalten,
optimal und so leistungsfähig wie möglich ist. Substantielle
Veränderungen oder Verbesserungen scheinen daher nicht erforderlich.
Um den mit den herkömmlichen Vorstellungen verbundenen Denkbarrieren
aus dem Wege zu gehen, soll hier von ganz einfachen und elementaren Beobachtungen
ausgegangen werden: Schritt für Schritt, beginnend bei einer Gesellschaft
von lauter sich selbst versorgenden Robinsons über eine Tauschwirtschaft
bis hin zur Geldwirtschaft und dem monetären Pilotprojekt Netzwerk
neutrales Geld. Diese Finanzinnovation Netzwerk neutrales Geld für
NeuMoNE soll mit dem herkömmlichen Geld konkurrieren. Weil die geldlichen
Transaktionsdienste, die das Netzwerk neutrales Geld erbringt, kostengünstiger
als die seines herkömmlichen Rivalen sind, wird NeuMoNe den Wettbewerb
am Ende gewinnen.
1.3 Zum Kern des Problems
Nach der modernen Geldtheorie erspart Geld Informations- und Transaktionskosten.
Das kann man sich leicht veranschaulichen: Ohne Geld müßten
die Individuen lange nach Tauschmöglichkeiten suchen, also Informationen
über potentielle Tauschpartner, ihre Güter und ihre Bedürfnisse
sammeln. Außerdem wäre es sehr kompliziert und mühsam,
den Wert der getauschten Güter einzuschätzen, solange es an einer
Geldeinheit fehlt, mit deren Hilfe man Werte abschätzen und Preise
vergleichen kann. Eine Tauschwirtschaft ist also mühselig und kostspielig,
weil man große Anstrengungen in den Austausch der Güter als
solchen investieren muß. Wird jedoch Geld verwendet, so kann man
seine Güter ganz einfach auf den Märkten verkaufen und kaufen.
Das ist bequem und erspart Kosten.
Aber Geld erspart nicht nur Informations- und Transaktionskosten. Es
verursacht auch neuartige Transaktionskosten, wie sie in einer Tauschwirtschaft
unbekannt sind. Bisher wurden diese neuartigen Transaktionskosten, die
mit dem Geld in die Wirtschaft kommen, von den Wirtschaftswissenschaften
nicht als solche erkannt. Es kommt jetzt also darauf an, diese bisher nicht
richtig gedeuteten Kosten bewußt zu machen: Es handelt sich dabei
um Transaktionskosten, mit denen die Individuen belastet werden, die sich
Geld für Transaktionszwecke besorgen, - um Kosten, welche die kostensparende
Leistungsfähigkeit unseres Geldes mindern.
Um die neuartigen Transaktionskosten sichtbar und begreifbar zu machen,
werden im folgenden die Informations- und Transaktionskosten in einer Robinsons-Wirtschaft
ohne Austausch, dann in einer Tauschwirtschaft und schließlich in
der Geldwirtschaft betrachtet, ehe dann mit der Analyse fortgeschritten
und schließlich zum praktischen Konzept übergegangen wird.
2. Von der Selbstversorgung
bis zur Geldwirtschaft
2.1 Keine Transaktionskosten in einer Gesellschaft bestehend aus
lauter Robinsons
Nehmen wir also zunächst eine Gesellschaft von Individuen an, die
sich vollständig selbst versorgen. Diese Robinsons tauschen überhaupt
keine Güter aus. Also entstehen auch keine Transaktionskosten. Jeder
hat es nur mit sich selbst zu tun. Man könnte allerdings an den Transfer
von Gütern von einem Platz zum anderen, also an Transporte durch den
Raum, oder an Transfers von Gütern aus der Gegenwart in die Zukunft,
also an ihre Lagerung denken. Doch bei diesen Vorgängen handelt es
sich nur um reale Prozesse, durch welche die Güter von einem selbst
an einen selbst verschoben werden, nicht um Transaktionen im sozio-ökonomischen
Sinne von Transfers zwischen Individuen.
In ihrer Selbstversorgung sind die Robinsons in vielerlei Hinsicht stark
beschränkt. Sie können nur konsumieren, was sie selbst poduzieren.
Sie haben nicht die Möglichkeit, voneinander Gebrauch zu machen und
von sozio-ökonomischen Interaktionen zu profitieren. Vielmehr sind
sie von ihrer persönlichen Begabung und ihren individuellen Fähigkeiten
abhängig. So entgehen den Robinsons die meisten der Bequemlichkeiten,
die wir gewöhnt sind.
Angenommen beispielsweise, einer der Robinsons besitze Güter, die
er im Moment entbehren kann, sei es, weil er satt ist, sei es, weil er
zur Zeit mehr Produktionsmittel hat, als er selbst nutzen kann: lästige
Güter also, deren gegenwärtige Grenzkosten ihren Grenznutzen
übersteigen. Nehmen wir weiter an, daß Robinson diese Güter
demnächst durchaus wieder braucht: sei es, um damit zu produzieren,
sei es, um sie zu konsumieren. Dann muß er die Güter auf eigene
Kosten lagern. Denn ihm fehlt die Möglichkeit, die eigene aufwendige
Lagerhaltung ganz einfach dadurch zu umgehen oder zu ersetzen, daß
er die betroffenen Güter jemandem gibt, der sie heute benötigt
und der ihm später Güter gleicher Art und Güte genau dann
zurückgibt, wenn es sie selbst wieder braucht. Wir dagegen können
heute die reale Lagerung physischer Güter einfach durch juristische
Ansprüche
auf künftige Güter oder sogar durch Ansprüche
auf künftiges
Geld ersetzen. Die Robinsons entbehren aller dieser nützlichen
Freiheiten.
Mit anderen Worten: Den Robinsons fehlen nicht nur die Vorteile der
sozialen Arbeitsteilung bei der Produktion, sondern auch die Vorteile
der zeitlichen Arbeitsteilung beim Konsum. Auch Kosumakte nämlich
lassen sich sozial und zeitlich aufteilen, wenn man geeignete Partner findet.
Die Robinsons erleiden mithin Verluste, weil sie alle diejenigen Güter
kostspielig selbst lagern, die sie für späteren Verbrauch aufheben.
Sparen ist in der Robinsonsgesellschaft aufwendig und kostenspielig.
Was man sich für zukünftigen Konsum oder für den Einsatz
in zukünftiger Produktion spart, wird von steigenden Grenzkosten mehr
oder weniger vollständig aufgezehrt. Von Renditen aus Ersparnissen
als solchen kann nicht die Rede sein. Nur insofern, wie man selbst statt
eines Konsumgutes ein Prokuktionsmittel erzeugt, das man selbst nutzt,
entsteht gegebenenfalls ein Nutzen aus den vorhergegangenen Ersparnissen
2.2 Transaktionskosten in der Tauschwirtschaft
An zweiter Stelle sehen wir uns eine Tauschwirtschaft an, in der die Individuen
gegenseitig voneinander Gebrauch machen können. Den Individuen stehen
jetzt nicht nur Sachgüter zur Verfügung, sondern die Dienste
und Leistungen anderer Individuen. Das vergrößert die Wahlfreiheiten
und Möglichkeiten ganz erheblich. Mit der Tauschmöglichkeit erwächst
den Individuen in der Tauschwirtschaft erstmals die Chance, von der sozialen
und zeitlichen Teilung sowohl der Arbeit als auch des Konsums zu profitieren.
Freilich wird keiner, der ökonomisch denkt, einen Tausch freiwillig
planen und durchführen, es sei denn, er rechnet sich aus, am Ende
besser dazustehen als vorher, Der Tausch kommt also nur zustande, wenn
beide Partner einen Nutzengewinn erwarten. Folglich ist der Tausch ein
Geschäft auf gegenseitige Nutzenvergrößerung. Er bewirkt
eine Vergrößerung des gesamten Nutzens allein dadurch, daß
die Güter getauscht werden. Von dem Nutzengewinn muß freilich
der Aufwand abgezogen werden, den der Tausch den Beteiligten verursacht.
Die Tauschkosten spielen allerdings auch schon beim Zustandekommen oder
Verhindern eines Tausches die entscheidende Rolle. Wenn nämlich einer
der Tauschpartner Tauschanstrengungen voraussieht, die seinen erwarteten
Tauschgewinn übersteigen, dann erscheint ihm das Geschäft als
unrentabel; das von ihm erwogene Tauschgeschäft wird von den gedanklich
vorweggenommenen Transaktionskosten blockiert. Hinzu kommt, daß Individuen,
die für den Austausch produzieren, das Risiko laufen, für ihre
Güter keine Abnehmer zu finden, die genau das anbieten, was sie wiederum
gerade selbst brauchen.
Die hohen Transaktionskosten und Absatzrisiken in der Tauschwirtschaft
ziehen enge Grenzen für die möglichen Austauschgeschäfte
und begrenzen dadurch auch die Möglichkeiten der Produktion und des
Konsums. Zwar erzeugen Tauschgeschäfte keine Kosten im Sinne von Geldausgaben;
denn Geld gibt es noch nicht. Aber der Austausch von Gütern ist mit
realen Kosten in Form von Sucharbeit, Kommunikationsaufwand, Verhandlungsenergie
usw. verbunden. Diese Kosten fungieren als eine Barriere, welche die Individuen
von weiteren Geschäften abhält. Zölle etwa haben ähnliche
Effekte.
In einer Tauschwirtschaft erreichen die Individuen also bald ein Niveau
von Transaktionskosten, welches weitere Austauschgeschäfte unprofitabel
macht und sie insoweit im Bereich der Selbstversorgung gefangen hält.
Wer für den eigenen Bedarf produziert, weiß wenigstens, daß
er am Ende seinen Bedürfnissen dient.
2.3 Transaktionskosten in der Geldwirtschaft
Wenn Geld in die Wirtschaft eingeführt wird, dann erscheint ein neues,
künstliches Gut mit charakteristischen Eigenschaften auf den Märkten.
2.3.1 Geld als ein zwischenmenschliches, soziales Gut
Für Selbstversorger ist Geld nutzlos und unfruchtbar. Die Robinsons
können Geld weder essen, noch ein Haus damit bauen, noch können
sie mit Hilfe von Geld die kostspielige Lagerung gesparter Güter vermeiden.
Anderes gilt in einer Geldwirtschaft mit ökonomischer Kommunikation
der Individuen untereinander: Geld ist nämlich ein ökonomisches
Kommunikationsmittel mit Eigenschaften, die es geradezu zum Gebrauch in
sozio-ökonomischen Situationen entweder als Tauschmittel oder als
Bereitschaftsmittel prädestinieren. Seine Eignung zur Bereitstellung
von Transaktionschancen bezieht Geld daraus, daß es eine Anwartschaft
ist. Es verkörpert eine rechtlich gesicherte Erwartung, durch welche
der Geldhalter zu den Güteranbietern in Beziehung gesetzt wird.
Weil Geld Güter repräsentiert, kann man das juristisch-künstliche
Gut Geld so lange als Stellvertreter für Güter verwenden, bis
man wieder reale Güter braucht. So kann Geld als Ersatz für Lagerhaltung
genutzt werden: zum einen weil es andere Menschen gibt, die Güter
anbieten, und zum anderen weil Geld den Geldinhaber mit einer Option ausstattet,
die ihm den Zugriff auf die Güter fremder Menschen ermöglicht.
Aus diesem Grund wird Geld gelegentlich von anderen Gütern auch dadurch
unterschieden, daß man es ein soziales, zwischenmenschliches Gut
bezeichnet (social relation good).
2.3.2 Einsparung von Transaktionskosten
Geld vermittelt im Tausch und ersetzt ihn durch Verkaufen und Kaufen. Verkauf
und Kauf sind Transaktionen. Also kann man nach wie vor von Transaktionskosten
sprechen, wenn es um die Kosten des gesamten zweistufigen Verfahrens des
Verkaufens und Kaufens (oder um die Kosten einer jeden Halbstufe des vermittelten
Tausches) geht. Gleichermaßen kann man allgemein von Transaktoren
anstelle von Verkäufern und Käufern sprechen. Dann muß
man sich aber im klaren darüber sein, daß man genau dadurch
die signifikanten Unterschiede zwischen Geld- und Tauschwirtschaft terminologisch
verwischt und verdeckt. Denn der Tausch ist eine, und zwar eine realwirtschaftliche
Transaktion. Verkaufen und Kaufen dagegen sind zwei Vorgänge, von
denen nur jeweils eine Hälfte realwirtschaftlich, die andere aber
monetär ist. In den realwirtschaftlichen Tausch wird eine monetäre
Phase eingeschoben, während derer man aus dem realwirtschaftlichen
Bereich ausscheren und in den monetären Bereich überwechseln
kann.
Obwohl Transaktoren in der Geldwirtschaft mindestens zwei Transaktionen
anstelle des einen Tausches durchführen müssen, um ihr Ziel zu
erreichen, nämlich Verkauf und Kauf, ist dieses Zweitaktverfahren
des Gütertausches leistungsfähiger als der eintaktige Tausch.
Dieser Vorteil ist, wie gesagt, darauf zurückzuführen, daß
das Geld Informations- und Transaktionskosten einspart. Ist nämlich
Geld als sozio-ökonomische Institution erst einmal eingeführt,
können die Transaktoren ihre angebotenen oder nachgefragten Güter
ganz einfach vermittels der Kommunikationskanäle spezialisierter Märkte
anbieten oder abrufen. Das Geld fungiert dabei als eine Art Eintrittskarte,
Benutzerausweis und Verrechnungsinstrument für diese institutionalisierten
Transaktionskanäle der Geldwirtschaft. Die Leistungsfähigkeit
oder Effektivität des Geldes vergrößert die Reichweite
profitabler Transaktionen ganz erheblich. Weil das wirtschaftliche Kommunikations-
und Transaktionsniveau steigt, breiten sich arbeitsteilige Produktion und
arbeitsteiliger Konsum aus.
An dieser Stelle verdient ins Bewußtsein gerufen zu werden, daß
die Wohlfahrt in einer Geldwirtschaft gegenüber der Tauschwirtschaft
zunimmt, weil sich der Bereich profitabler Kommunikationen und Transaktionen
ausweitet. Der Effizienzgewinn liegt nicht nur in einer Zunahme der Produktivität
von Gütern, sondern in einer Steigerung der Leistungsfähigkeit
des Informations- und Transaktionssystems. Produktions- und Konsumgüter,
die von anderen angeboten werden, sind schlicht und einfach zu niedrigeren
Kosten erreichbar, und das erhöht die Produktivität. Es war im
Verlaufe der bisherigen Überlegungen nicht nötig, von Kapital
und seiner etwaigen Produktivität zu sprechen. Diese Termini konnten
vermieden werden, weil sich die Erscheinungen hinreichend in Kategorien
von Individuen, Gütern, Informationen, Transaktionen und, vor allem,
Informations- und Transaktionskosten begreifen und beschreiben ließen.
2.3.3 Geld als Voraussetzung für Transaktionen
In einer Geldwirtschaft, in welcher die soziale und zeitliche Arbeitsteilung
sowohl bei der Produktion wie auch im Konsum weit fortgeschritten ist,
wird Selbstversorgung praktisch unmöglich. Man ist voneinander abhängig.
Man ist nicht nur Konsument, man ist nicht nur Produzent, sondern man ist
praktisch immer auch Transaktor. Bevor man Güter konsumieren oder
mit Gütern produzieren kann, muß man Transaktionen abwickeln:
Transaktion geht vor Produktion und Konsum: Bevor man die Rolle des Konsumenten
oder des Produzenten spielen kann, muß man schon in die Rolle des
Transaktors geschlüpft sein. Und diese Transaktorenrolle schließt
immer die Rolle von jemandem ein, der sich Geld beschafft und es wieder
ausgibt. So wird Geld in der Geldwirtschaft zur unentbehrlichen Voraussetzung
für Transaktionen und damit auch für Produktion und Konsum.
Wer - aus welchen Gründen auch immer - die Rolle eines Geldbeschaffers
nicht spielen kann, der kann auch die Rolle des Geldausgebers nicht spielen.
Er wird also auch keine Waren oder Dienstleistungen erwerben. Darüber
hinaus hält der Mangel an Geld bedürftige Menschen praktisch
davon ab, Transaktionen durchzuführen, die an sich möglich und
profitabel wären. Um das zu veranschaulichen, braucht man sich nur
einen potentiellen Verkäufer vorzustellen, der versucht, sich Geld
zu verschaffen, indem er Waren, Dienstleistungen oder Arbeit anbietet.
Dann kann man sich leicht vorstellen, daß er einen potentiellen Käufer
findet, der die angebotenen Güter dringend braucht. Trotzdem wird
unser Verkäufer seine Güter nicht an den Käufer verkaufen
und Geld dafür erhalten, wenn nicht dieser Käufer selbst entweder
Geld in der Hand hat oder es ihm gelingt, sich welches zu beschaffen, z.B.
dadurch, daß er selbst Güter verkauft. Auch dieser zweite potentielle
Verkäufer mag durchaus potentielle Abnehmer für seine Güter
finden. Aber auch er kann seine Güter nur verkaufen und Geld erwerben,
wenn diese potentiellen Abnehmer ihrerseits Geld in der Hand haben oder
wenn es ihnen gelingt, sich welches zu beschaffen. Man sieht leicht, daß
hier ganze Kaskaden von wechselseitig nützlichen Geschäften möglich
wären, daß sie aber blockiert bleiben, weil das Geld fehlt,
ohne welches alle die vielen potentiellen Verkäufer und Käufer
nicht miteinander ins Geschäft kommen können.
2.3.4 Neuartige Transaktionshindernisse
Potentielle Anbieter und Produzenten auf der einen Seite und potentielle
Nachfrager und Konsumenten auf der anderen werden also daran gehindert,
Transaktionen abzuwickeln, die durchaus möglich wären, wenn sie
als potentielle Transaktoren nur das ökonomische Transaktionsmedium
Geld dabei verwenden könnten. Mit anderen Worten: Auch dann, wenn
potentielle Tauschpartner bzw. Transaktoren nicht füreinander im Nebel
des Nichtwissens verborgen bleiben, können die an sich möglichen
Transaktionen wegen Geldmangels stecken bleiben. Ein einziger, der kein
Geld hat, kann ganze Transaktionsserien verhindern, so wie auch ein einziger
Geldbesitzer, der sein Geld nicht ausgibt, dafür sorgen kann, daß
eine ganze Kette von Transaktoren darunter leidet. So zeigt sich, daß
die Menschen in einer Geldwirtschaft neuartige Transaktionshindernisse
erfahren, die in einer Tauschwirtschaft nicht existierten.
Unfähig zu sein, Geld zu erwerben, bedeutet, daß man an Transaktionen
gehindert wird. Und an Transaktionen gehindert zu sein, das bedeutet, von
Produktion und Konsum ferngehalten zu werden. Derjenige, dessen Transaktionen
wegen Geldmangels schlicht steckenbleiben, ist faktisch von der Teilhabe
an der Gemeinschaft der Wirtschaftenden überhaupt ausgeschlossen.
2.3.5 Geldzinsen als neuartige Transaktionskosten
Wie wir oben gesehen haben, ist der Tausch in einer Tauschwirtschaft mühsam
und kostspielig. Weiterer Güteraustausch bleibt alsbald im undurchdringlichen
Informationsdefizit stecken, durch welches einem die anderen Menschen,
ihre Bedürfnisse, ihre Nachfrage und ihre Angebote verborgen bleiben.
Geld dagegen hat sich als wirksamer Katalysator erwiesen, der Kommunikationskanäle
eröffnet, welche den Menschen erlauben, die undurchsichtige Sphäre
der ökonomischen Kommunikation gleichwohl erfolgreich zu durchdringen.
Zugleich hat sich jedoch für die Menschen, die Transaktionen abwickeln
müssen, eine neuartige Schwierigkeit gezeigt, nämlich das Problem
der Geldbeschaffung; denn ohne Geld bleiben die Transaktionskanäle
der Märkte für sie verschlossen und können so ihre geplanten
Transaktionen nicht ausführen.
Diese neuartige Schwierigkeit betrifft den Erwerb von Transaktionsgeld
durch den potentiellen Transaktor:
-
entweder findet er - in der Rolle des Verkäufers - keinen Käufer,
und zwar meist deshalb, weil die potentiellen Käufer selbst wiederum
genau jenes Geldes entbehren, ohne das sie keine Güter kaufen können;
-
oder er kann sich, als potentieller Käufer, kein Geld beschaffen,
weil er sich die Zinskosten des geliehenen Geldes nicht leisten kann; die
Zinskosten, die die Güter für ihn teurer machen als für
andere.
Konzentriert man sich jetzt auf diese Zinskosten, durch welche potentielle
Transaktoren an der Durchführung an sich möglicher Transaktionen
gehindert werden, dann kann man feststellen: Hier fungieren die Zinsen,
die für geliehenes Geld gezahlt werden, als prohibitive Kostenschranke
für die Ausführung von Transaktionen, welche an sich (in realen
Größen) durchaus wechselseitig profitabel wären. Weil nun,
wie gezeigt, Transaktionen ohne die Verwendung von Geld praktisch unmöglich
sind und weil die Zinsen für ein Geld gezahlt werden, das zur Vermittlung
von Transaktionen verwendet wird, muß man auch die Geldzinsen womöglich
als eine neue Form von Transaktionskosten ansehen, welche wiederum in einer
Tauschwirtschaft nicht existiert.
Es ist nochmals lehrreich, sich bewußt zu machen, daß die
Geldzinsen hier in keiner Weise als Kapitalkosten erscheinen. Die Transaktoren
zahlen Zins nicht für Finanzkapital, sondern dafür, daß
sie das Geld zur Abwicklung von Transaktionen verwenden können, und
zwar ohne Rücksicht darauf, für welche Zwecke das geliehene Geld
ausgegeben wird. So muß man Zinsen nicht nur für Finanzkapital
zahlen, das zum Erwerb von Investitionsgütern verwendet wird, sondern
auch für geliehenes Geld, welches für Konsumzwecke, zur Umschuldung
oder auch zur Finanzierung eines Begräbnisses gebraucht wird. Noch
einmal: Es war bisher nicht nötig, die Bezeichnung oder den Begriff
Kapital zu verwenden, um die einschlägigen Vorgänge zu begreifen
und zu beschreiben.
2.3.6 Transaktionskosten bei neu emittiertem Geld
Geld erspart offenbar nicht nur Kosten, sondern es verursacht auch eine
neuartige Form von Transaktionskosten, nämlich Zinsen für geliehenes
Geld. Diese neuartigen Kosten lassen sich am besten veranschaulichen, wenn
man die Geldschöpfung betrachtet, bei welcher Geld auf dem Kreditwege
neu geschaffen und ausgegeben (emittiert) wird.
Nehmen wir also an, innerhalb einer Tauschwirtschaft soll eine Zentralbank
eingerichtet werden, um Banknoten zu drucken und in den Verkehr zu bringen.
Solches neu emittiertes Geld wird normalerweise nicht an die Menschen verschenkt,
sondern von der Bank an Kreditnehmer verliehen, die Geld brauchen, um damit
bei ihren Transaktionen Informations- und Transaktionskosten zu sparen.
(Dieses idealisierte Modell für die Emission von Geld entspricht der
Wirklichkeit sowohl darin, daß das wirkliche Bankensystem Geld im
Wege von Krediten schafft, als auch darin, daß das so emittierte
Geld ebenso Zinsen einbringt wie Privatkredite von privaten Sparern.) Der
Vollständigkeit halber nehmen wir noch an, daß unsere potentiellen
Konsumenten und Produzenten schon genauestens über die Vorteile informiert
sind, die das Geld mit sich bringt, und daß die Bank genau weiß,
was sie tun muß, um ein stabiles, funktionierendes Geldwesen in Gang
zu bringen und aufrecht zu erhalten.
Wenn jetzt Konsumenten und Produzenten Darlehen aufnehmen, um das Geld
für Güter auszugeben, müssen sie zweierlei in Betracht ziehen:
-
erstens die Vorzüge, die darin liegen, daß man jetzt Güter
verkaufen und kaufen kann, statt sie mühsam zu tauschen, und
-
zweitens, daß sie für das Geld, mit dem sie Transaktionskosten
sparen wollen, Zinsen zahlen müssen.
Mit Geld können sie ihre Transaktionen kostengünstig abwickeln.
Aber die Vorteile hieraus werden durch die Kosten verringert, die von der
Beschaffung des Transaktionsmittels Geld herrühren. Einerseits also
verbilligt Geld die Güter, weil sie mit weniger Aufwand erlangt werden
können. Andererseits aber verteuert es sie auch wieder, weil man zu
ihren Preisen die jeweiligen Zinsausgaben hinzurechnen muß. Somit
fahren Individuen, die das Geld benutzen, insgesamt nur dann besser als
in der Tauschwirtschaft, wenn der Gewinn aus der Einsparung von physischen
Tauschkosten nicht durch die neuartigen pekuniären Transaktionskosten,
die wir Zins nennen, aufgezehrt wird. Noch schlimmer ist die Wirkung, wenn
die Individuen durch die hohen Zins- bzw. Renditebarrieren vom Erwerb oder
der Nutzung von Gütern überhaupt abgeschreckt oder abgehalten
werden.
Diese neuartigen Transaktionskosten und Transaktionsbarrieren sind in
der Tauschwirtschaft unbekannt. Ebenso unbekannt sind dort auch die Bank,
die Geld ausgibt, und vor allem die Gewinne der Bank aus ihrem Geldausgabegeschäft.
Da nämlich die Kosten, die bei der Herstellung und der Ausgabe des
Geldes anfallen, im Vergleich zu den der Bank zufließenden Zinsen
verhältnismäßig gering sind, macht die Bank Profite aus
ihrer Geldschöpfung: Seigniorage in der Form eines return over cost
bei dem Emissionsgeschäft.
So haben wir schließlich in der Geldwirtschaft nicht nur neuartige
Transaktionskosten, sondern auch neuartige Profite, und zwar Profite, die
fast genau den neuartigen Kosten korrespondieren. Genau genommen bringt
also das Geld neuartige Transferströme mit sich, mämlich Abströme
(Kosten) und Zuströme (Erträge), durch welche die Transaktoren
belastet und die Geldemittenten subventioniert werden. Die Emissionsbank
profitiert einfach davon, daß die Menschen Transaktionsbedürfnisse
haben und daß ihnen das Geld dabei mehr Kosten erspart und mehr Nutzen
bringt, als die Herstellung und Ausgabe dieses Geldes bei der Bank kostet.
2.3.7 Zinsen als Transaktionsschranken
Zinsen erhöhen die Transaktionskosten und fungieren dadurch als Transaktionsschranken.
Die gilt /auch insoweit, wie Produzenten ihre Finanzkapitalkosten über
die Preise auf die Letztabnehmer abwälzen können: Höhere
Preise wirken hemmend oder abschreckend auf den Erwerb der betroffenen
Güter. Es handelt sich um in den Preisen versteckte Transaktionskosten
mit entsprechenden Bremswirkungen für die Transaktionen in den betroffenen
Gütern.
Während Geld als solches den Bereich profitabler Transaktionen
ausweitet, wirken die Zinskosten in genau entgegengesetzter Richtung. Selbst
wenn die Bank ihre Gewinne an den Fiskus abführt, so daß mit
dem Geld Staatsausgaben finanziert werden, können diese zusätzlichen
Staatsausgaben keinen Ausgleich für all diejenigen Transaktionen abgeben,
die vorher steckenbleiben, weil und soweit die Betroffenen es nicht mehr
für profitabel erachten, auf der Grundlage von Geld Transaktionen
abzuwickeln, deren Zinskosten die Güter für sie zu teuer werden
lassen.
Hier also wird unsere Eingangshypothese, nach der das herkömmliche
Geld signifikante Mängel aufweist, bestätigt: Weil Geld eben
gerade nicht nur Kosten erspart, sondern neuartige Transaktionskosten verursacht,
die den Bereich profitabler Transaktionen wiederum beschränken, ist
unser Geldsystem suboptimal. Es ist genau darin ineffizient, daß
es neuartige, funktionswidrige Kosten einerseits und Gewinne andererseits
verursacht.
2.3.8 Inkongruenz von Geldnutzen und Geldkosten
Wer geliehenes Geld ausgibt, erhält dafür die begehrten Güter.
Dadurch bekommen auch die Verkäufer dieser Güter Geld, und auch
sie können als Käufer anderer Güter auftreten. So erhalten
weitere Individuen Geld und können wiederum in die Rollen von Käufern
schlüpfen. So setzt das Geld, das sich der erste in der Reihe von
der Bank beschafft hat, ganze Transaktionsketten in Gang. Er befähigt
alle anderen Glieder dieser Kette dazu, das Geld zur effizienten Abwicklung
ihrer jeweiligen Transaktionen zu verwenden: Er produziert positive externe
Effekte durch jenes Geld, dessen ursprüngliche Geldbeschaffungskosten
er allein trägt. Während er nämlich die Zinskosten, die
von dem neuausgegebenen Geld herrühren, weiter mit sich herumschleppt
und von seiner Geldaufnahme nur ein einziges Mal profitiert, nämlich
bei der Abwicklung der von ihm geplanten Transaktion, genießen alle
anderen Glieder in der Kette die Vorzüge dieses Geldes, ohne mit entsprechenden
Kosten belastet zu sein. So ergibt sich eine Inkongruenz, was die Allokation
der Geldbeschaffungskosten einerseits und des Transaktionsnutzens des beschafften
Geldes andererseits betrifft.
2.3.9 Geldschöpfung und Geldvernichtung
Wenn das Darlehen der Emissionsbank fällig wird und der Leiher sein
Geld zurückzahlen muß, muß er dieses Geld irgenwo abziehen
und ist dementsprechend daran gehindert, es für Güter auszugeben.
Ebenso wie er ursprünglich durch Beschaffen und Ausgaben von Geld
ganze Transaktionsketten in Gang gesetzt hat, unterbricht er jetzt Transaktionsketten,
die bei ihm ankommen. Das Geld, das er an die Bank zurückzahlt, verschwindet
vom Markt. Die Transaktionsketten, die weiterliefen, wenn er sein Geld
ausgäbe, anstatt es zurückzuzahlen, kommen wegen Geldmangels
zum Stillstand.
In der Geldtheorie wird die Emission von Geld auch Geldschöpfung
genannt. Dementsprechend bezeichnet man das Verschwinden von Geld von den
Märkten und sein Verschwinden in den Geldschränken des Bankensystems
Geldvernichtung, auch wenn das Geld nicht verbrannt oder sonst physisch
vernichtet wird. Denn Geld, das vom Markt verschwunden ist und nicht länger
als Transaktionsmedium dient, ist ein Nichts insofern, als es den Transaktoren
auf den Märkten nicht mehr länger zur Ersparnis von Transaktionskosten
dient.
3. Herkömmliches Sparen
und Investieren
3.1 Geld im Gegensatz zu Kapital
Wiederum gilt es zu beachten, daß die Zinsen, die für neu geschaffenes
Geld gezahlt werden, weder mit Kapital noch mit Sparen etwas zu tun haben.
Die Bank, die das Geld druckt und ausgibt, spart gar nichts. Insbesondere
opfert sie keinen Gegenwartskonsum für mehr Zukunftskonsum, sondern
sie druckt einfach Noten und emittiert sie. Und wer sich von der Bank frischgeschaffenes
Geld leiht, bekommt nicht etwa so etwas wie Kapital. Er besorgt sich nur
Geld für Transaktionszwecke, und genau dafür zahlt er Zinsen.
Gibt er das Geld hinterher für Investitionsgüter aus, also für
physisches Kapital, um die Produktivität seines Unternehmens zu erhöhen,
dann rührt diese Zunahme an unternehmerischer Effektivität daher,
daß er mit Hilfe des Geldes befähigt wurde, sich die Investitionsgüter
im Wege von Transaktionen zu besorgen. Also handelt es sich bei den Kosten,
die er sich in Form von Zinsen für Transaktionsgeld aufgebürdet
hat, nicht um Kapitalkosten, sondern um Transaktionskosten.
Für den Investor freilich, der das geliehene Geld für Produktionsmittel
ausgibt, erscheinen die Geldbeschaffungskosten als in irgendeiner Weise
verbunden mit dem, was er mit dem Geld tut. Dementsprechend sieht es für
ihn so aus, als handle es sich um Kosten der Güter, die er sich gekauft
hat. Aber man verwechselt Ursache und Wirkung, wenn man terminologisch
als Kapitalkosten verkleidet, was in Wahrheit Geldbeschaffungskosten
und als solche in Wahrheit Transaktionskosten sind. Diese Verwechslung
führt zu verhängnisvollen Irrtümern in der ökonomischen
Theorie.
3.2 Überwindung der alten Denkgewohnheiten
An dieser Stelle könnte man geneigt sein zuzugeben, daß die
Zinsen, die für frisch geschaffenes Geld bezahlt werden, tatsächlich
so, wie eben beschrieben, als Transaktionskosten aufgefaßt werden
müssen. Aber man ist ebenso geneigt einzuwenden, daß die anderen
Zinsen, die private Sparer für ihre Ersparnisse erhalten und
die von privaten Investoren dafür bezahlt werden, als eine
Prämie für Konsumverzicht auf seiten des Sparers und als die
Kosten von Finanzkapital auf seiten des Investors aufgefaßt werden
müssen. Allem Anschein nach nämlich machen in diesem Falle die
monetären Ressourcen, die nicht konsumiert werden, die Produktion
effektiver. Hier scheint die herkömmliche Ansicht zuzutreffen, daß
die Zinsen den Gleichgewichtspreis zwischen privaten Ersparnissen einerseits
und der Produktivität des Kapitals andererseits darstellen.
Doch auch in diesen Fällen muß man sich der Tatsache bewußt
sein, daß die physischen Produktionsmittel, welche die Produktivität
erhöhen, nicht etwa durch das Finanzkapital geschaffen werden.
Vielmehr befähigt das geliehene Geld den Investor nur dazu, die Transaktionen
abzuwickeln, durch welche er sich die benötigten Investitionsmittel
beschafft. Wir müssen erkennen: Es gibt Investoren, die Produktionsmittel
benötigen, und es gibt andere, die eben diese Produktionsmittel anbieten;
aber diese Nachfrager und Anbieter von Produktionsmitteln haben keine Chance,
Verträge abzuschließen und Transaktionen abzuwickeln, es sei
denn, eine Bank oder Dritte versorgen sie mit Geld. Auch hier also erscheint
Geld als der Transaktionskatalysator, welcher die Verkäufer und Käufer
der betroffenen Produktionsmittel zusammenbringt. Fehlt ihnen jedoch das
Geld, so bedeutet das, daß ihre an sich möglichen und profitablen
Transaktionen wegen der Mängel im monetären Transaktionssystem
gewissermaßen stecken bleiben.
Dementsprechend muß man sich auch bewußt sein, daß
wir privates Sparen als etwas auffassen, was es normalerweise nicht ist,
so daß wir uns durch die Terminologie und ihren assoziativen Gehalt
irreführen lassen. Und in der Tat begegnen wir auf dieser Stufe unserer
Untersuchung der schwersten Form dessen, was oben unter dem Stichwort Widerstand
in den Köpfen angesprochen worden war, nämlich der Tatsache,
daß die Schwierigkeiten nicht in den neuen Gedanken liegen, sondern
darin, den alten zu entkommen (Keynes).
Wir müssen hier tabula rasa im wörtlichen, aristotelischen
Sinne machen, nämlich versuchen, ohne Rücksicht auf das zu denken
und zu begreifen, was und wie wir im Bereiche von Sparen und Investieren
zu denken und zu begreifen gewohnt sind. Um uns selbst zu befreien, müssen
wir sogar mit unseren Gedanken gegen den Strom alles dessen ankämpfen,
was in diesem Bereiche als selbstverständlich gilt. Denn wenn es hier
wirkliche Täuschungen gibt, die uns die Sicht verbauen und uns hindern,
die Fehlerhaftigkeiten des Geldsystems einzusehen, dann haben wir keine
Chance, uns von den Irrtümern zu befreien, es sei denn, es gelingt
uns, von den Grundlagen her neu zu denken.
In diesem Sinne elementar zu denken und zu begreifen, läuft darauf
hinaus, die Sprache und die Konzepte der modernen Transaktionskostenökonomie
anzuwenden: einerseits Transaktionen und andererseits Geld als das entscheidende
Instrument dafür, die Transaktions- und Informationskosten zu senken.
Die altehrwüdige Formulierung, wonach Zinsen die Abstinenz von Konsumenten
und die Produktivität von Kapital ins Gleichgewicht bringen, knüpft
an weniger präzise Gedanken an und verbindet zudem psychologische
Eigenschaften von Menschen mit physikalischen Eigenschaften von Gütern,
anstatt sich jener Transaktionen und ihrer Kosten anzunehmen, welche durch
die psychologischen und physikalischen Faktoren beeinflußt werden.
Außerdem ist z.B. nicht klar, wer denn überhaupt der Investor
ist: der Sparer, wenn er sein Geld verleiht, oder der Unternehmer, wenn
er das geliehene Geld ausgibt? Vor allem aber betrifft die herkömmliche
Formulierung nur einen Spezialfall: Sein Geld nicht auszugeben, das hat
oft andere Gründe als nur den, im Augenblick schmerzlichen Konsumverzicht
zu leisten. Zusätzlicher gegenwärtiger Konsum kann z.B. Übelkeit
oder andere Kosten verursachen, statt nur als angenehm empfunden zu werden.
Dann ist es profitabel, wenn man Geld halten kann, statt zum Konsum genötigt
zu sein oder auf weitere Ansammlung von Werten überhaupt verzichten
zu müssen. Denn kostenlose Geldhaltung ist profitabler als die Nutzung
von Gütern, deren marginale Kosten ihren marginalen Nutzen übersteigen.
Das Verleihen von Geld und das Borgen von Geld stellen einen zweiseitigen,
reziproken Vorgang dar, eine Art Schnittpunkt, in dem sich zwei Serien
von ökonomischen Aktionen zu einer Interaktion treffen, die sowohl
auf der Seite des Verleihers wie auch auf der Seite des Entleihers sehr
unterschiedliche Motive haben kann: Die Zinsen für verliehenes Geld
können verlangt werden ohne Rücksicht darauf, welche Motive der
Verleiher für seine Entscheidung nicht ausgeben, sondern verleihen
hat. Und die Zinsen muß der Entleiher ohne Rücksicht auf die
Zwecke bezahlen, für die er sich das Geld leiht.
In jedem Falle aber sieht der Verleiher davon ab, sein Geld im Zuge
von Gegenwartstransaktionen auszugeben, und der Entleiher besorgt sich
das Geld in der Regel, weil er es für die Abwicklung gegenwärtiger
Transaktionen braucht. Jener entscheidet sich gegen, dieser für reale
Transaktionen. Man hat es also beim Geldverleih auf der Seite des Verleihers
mit der Abstinenz von oder auch Flucht vor Gegenwartstransaktionen und
auf der Seite des Entleihers mit dem Bedarf an solchen gegenwärtigen
Transaktionen zu tun.
3.3 Sparen als Quasi-Vernichtung von Geld
Dem Verleihen des Geldes geht voraus, daß es vom Verleiher nicht
ausgegeben wird. Herkömmlicherweise allerdings bedeutet Sparen nicht
nur, daß jemand sein Geld nicht ausgibt, sondern auch, eines der
möglichen Motive dafür, daß er nämlich gegenwärtigen
Konsum opfert, um mehr zukünftigen Konsum zu erlangen. Dabei geht
es um die psychologische Neigung zum Opfer an Gegenwartskonsum zugunsten
des Zukunftskonsums, - eine Neigung, bei der ein unersättlicher Hunger
nach Gegenwartskonsum unterstellt wird (Zeitpräferenz), der psychologisch
nur überwunden wird durch einen noch größeren Hunger nach
noch mehr Zukunftskonsum.
An dieser Stelle jedoch geht es nicht um die psychologischen Anreize,
die im Grenzfall ihren Einfluß auf die Entscheidungen der Individuen
ausüben, sondern um Transaktionen und um das Transaktionsmittel Geld.
Welches auch immer seine Motive sein mögen, der herkömmliche
Sparer gibt sein Geld nicht aus, sondern hält es einstweilen zurück.
In Kategorien der Transaktionsökonomie: Er sieht ab von Gegenwartstransaktionen.
Da jedoch alle Transaktionen definitionsgemäß wenigstens zwei
Transaktionspartner mit einbegreifen, bedeutet die Transaktionsabstinenz
des einen, der sein Geld nicht ausgibt, daß sein potentieller Transaktionspartner
ebenfalls von einer an sich ins Auge gefaßten Transaktion absieht
oder vielmehr sogar abgehalten wird. Dabei ruht das Geld, das ein Transaktor
ursprünglich einmal von der Emissionsbank beschafft hat und für
welches er weiterhin die Kosten trägt, jetzt friedlich in der Kasse
oder im Safe eines Nichttransaktors, der sein Geld spart, bevor er es anderweitig
verwendet, z.B. für noch mehr Zukunftsgeld.
Freilich hindert auch in einer Tauschwirtschaft eine Person, die von
einem geplanten Tauschgeschäft absieht, ihren potentiellen Tauschpartner
daran, das Geschäft durchzuführen. Dieses Zurückhalten eines
Tauschgutes in der Tauschwirtschaft wirkt sich jedoch nur auf das eine
Tauschgeschäft mit dem einen potentiellen Partner aus, der dann auch
das von ihm angebotene Gut nicht los wird. In der Geldwirtschaft dagegen
unterbricht ein einziger potentieller Käufer, der sein Geld nicht
ausgibt, womöglich ganze Transaktionsserien, die er in Gang setzte,
wenn er nur damit fortfahren würde, sein Geld, das er beim Verkauf
erlangt hat, im Zuge eines Kaufes weiterzugeben.
Ein herkömmlicher Sparer blockiert also diejenigen Transaktionsserien,
die in Gang kämen, wenn er sein Geld ausgäbe. Er blockiert sie
für die Dauer, während derer er sein Geld spart und festhält,
anstatt es auszugeben: Er produziert negative externe Effekte bei anderen,
die darunter leiden, ihre Güter nicht verkaufen zu können, weil
sie darin behindert werden, sich durch Verkauf Geld zu beschaffen. Der
Sparer in seiner Rolle als Nichtkäufer, der sein Geld zuzückhält,
bewirkt, daß dieses Geld von den Märkten verschwindet. Ein solches
Verschwinden des Geldes von den Märkten und seine anderweitige Aufbewahrung
wird üblicherweise als Vernichtung von Geld bezeichnet, wenn das Geld
in den Tresoren der Emissionsbank (oder einer anderen Bank) verschwindet
(oben 2.3.9). Hier aber, wo private Sparer das Geld von den Märkten
abziehen, sind die Wirkungen die gleichen. Diese Sparer verhalten sich
wie kleine private Quasi-Banken, die das bei ihnen eintreffende Geld für
eine Weile zerstören, indem sie es bei sich verschwinden lassen.
3.4 Geldverleih als Quasi-Emission von Geld
Herkömmliche Sparer bewahren freilich normalerweise keine sehr großen
Geldbeträge bei sich auf; denn es entgehen ihnen dann ja die Zinsen.
Vielmehr verleihen sie ihr Geld wieder an andere. Damit erscheint ihr Geld
wieder auf den Märkten für Realgüter, und die Unterbrechung
des Geldumlaufs findet ihr Ende. Allerdings geben die Sparer ihr Geld nicht
selbst für Realgüter aus. Sie stoßen nicht selbst neue
Transaktionsserien an. Indem sie ihr Geld verleihen, befähigen sie
nur andere, an ihrer Stelle Transaktionen abzuwickeln und Transaktionsserien
anzustoßen. Das kostet die anderen den Zins.
Und wiederum gilt es zu bedenken, daß die Einführung von
Geld in die Märkte für Realgüter Geldschöpfung oder
Geldemission genannt wird, wenn das Geld von der Emissionsbank (oder einer
anderen Bank) kommt. Falls nun, wie in unserem Beispiel, private Sparer
das Geld durch Kredite wieder auf die Märkte bringen, sind die Wirkungen
wiederum die gleichen wie bei der ursprünglichen Emission des Geldes.
Diese privaten Verleiher verhalten sich auch hier wieder wie kleine private
Quasi-Banken, die das Geld, das sie zuvor von den Märkten abgezogen
und vernichtet haben, nunmehr wieder für die Dauer der von ihnen gegebenen
Darlehen emittieren. Und so wie die Emissionsbank von Zinserträgen,
die die Kosten des Emissionsgeschäfts übersteigen, profitiert,
so profitieren die Sparer in ihrer Rolle als Quasi-Banken davon, daß
ihre Zinserträge wesentlich höher sind als die Kosten, die ihnen
das Geschäft verursacht, das daraus besteht, daß sie ihr Geld
nicht ausgeben, sondern verleihen. Diese privaten Sparer in ihren Rollen
als Quasi-Banken streichen eine Quasi-Seigniorage aus ihrer Quasi-Emission
des von ihnen quasi-vernichteten Geldes ein.
Die Prozedur des Sparens im Sinne von Verleihen statt Ausgeben ist schon
als solche profitabel; und sie fungiert ohne weiteres als künstlicher
Anreiz für die Individuen, auf Gegenwartskonsum zu verzichten (also
Gegenwartstransaktionen aufzuschieben). Das erklärt auch, woher der
Zuwachs an voraussichtlichem Einkommen kommt, der die Individuen dazu anreizt,
mehr zu sparen als sie ohne den Profitmechanismus des Verleihens statt
Ausgebens sparen würden. Die Zinsen haben also ihren Ursprung gerade
nicht darin, daß zugunsten von Zukunftskonsum auf Gegenwartskonsum
verzichtet wird, sondern umgekehrt: Die Geldwirtschaft bietet den Individuen
die profitable Seigniorage aus Verleihen statt Ausgeben an und verleitet
sie auf diesem Wege gewissermaßen künstlich dazu, wegen der
Zinsen Gegenwartskonsum für mehr Zukunftskonsum zu opfern. Nicht die
Zeitpräferenzen sind der Grund für die Zinsen, sondern die Zinsen
sind der Grund für eine Verfälschung der Zeitpräferenzen.
4. Die strukturelle
Nichtneutralität des Geldes
4.1 Verleihen statt Kaufen versus Borgen statt Verkaufen
Dem Geld werden üblicherweise zwei wesentliche Funktionen zugeschrieben,
nämlich die Tauschmittelfunktion und die Lagerhaltungsfunktion (oben
2.3.1). Inzwischen jedoch hat sich gezeigt, daß Geldhaltung (im Sinne
von Nichtausgeben) bedeutet, daß das Geld von den Märkten abgezogen
und Transaktionsserien blockiert werden: private Quasi-Zerstörung
von Geld. Es hat sich ebenso gezeigt, daß das Verleihen von Geld
bedeutet, daß man vermittels dieser Macht zur Geldblockade anderen
Transaktoren Transaktionskosten auflädt und davon profitiert. Das
geschieht jedesmal, wenn jemand den Profitmechanismus Verleihen statt Kaufen
anwendet: private Quasi-Emission von Geld mit privater Quasi-Seigniorage.
Die Option des Geldhalters, vom Verleihen statt Kaufen zu profitieren,
setzt jedoch voraus, daß er sein Geld nicht für dringende eigene
Transaktionen braucht. Die Voraussetzung ist erfüllt, sobald jemand
entbehrliches Geld zur Verfügung hat. Sie ist nicht erfüllt bei
bedürftigen Menschen, die das Geld entweder für den Kauf eigener
Konsumgüter oder dafür brauchen, Güter zu produzieren, die
sie verkaufen wollen, um davon zu leben. Somit bietet das heutige Geldsystem
den gesättigten und saturierten Menschen die Option, die Transaktionen
der Hungrigen und noch Strebsamen zu blockieren und von dieser Blockade
zu profitieren. Es stattet die Wohlhabenden, die schon Reichtum besitzen,
mit der zusätzlichen Möglichkeit aus, von dem Spiel Verleihen
statt Kaufen zu Lasten der Ärmeren zu profitieren: Und die Option
dazu steht diesen Wohlhabenden vollkommen frei. Sie entscheiden dabei nur
zwischen dem geldlichen Profit einerseits und den Annehmlichkeiten des
Geldes andererseits.
Den anderen aber, die wirklich noch bedürftig sind und deshalb
auch Transaktionsbedarf haben, wird durch die überlieferte Geldordnung
die reziproke Rolle im Transaktionsverfahren zugespielt, nämlich die
Rolle des Geldleihers, der sich für Borgen statt Verkaufen entscheiden
muß. Diese Bedürftigen werden durch ihre Bedürfnisse mehr
oder weniger dazu genötigt, sich Geld zu leihen. Bei ihnen geht es
nicht um die Wahl bloß zwischen zwei Annehmlichkeiten, nicht nur
um hypothetische Opportunitätskosten, sondern sie kalkulieren echte
Zinskosten, die sie sich aufbürden. Das Spiel ist für sie so
kostspielig, wie es für die Reichen einträglich ist.
Das profitable Verleihen statt Kaufen auf seiten des Kapitals einerseits
und das kostspielige Borgen statt Verkaufen auf seiten der Konsumenten
und Produzenten (Transaktoren) anderseits stehen in einem reziproken Verhältnis
zueinander. Diese reziproke Struktur von Profiten für das Kapital
einerseits und von Kosten für die Transaktoren andererseits repräsentiert
exakt die Asymmetrie oder Nichneutralität des Geldes. Der Verleiher
beutet die Transaktionsbedürfnisse und - eben dadurch!- die physischen
Bedürfnisse sowie die ökonomischen Aktivitäten der Borger
von Geld aus, - und zwar nicht etwa dadurch, daß er letztere mit
Finanzkapital versorgt, sondern, indem er seine Blockade ihrer Transaktionen
für eine Weile aussetzt und ihnen vorübergehend das allgemeine
Kommunikationsmittel Geld freigibt.
Auf diese Weise bewirkt das Geld, daß die Armen, die Bedürftigen
und die wirtschaftlich Aktiven für den Überfluß der Reichen,
der Satten und der Untätigen sorgen. Und es zeigt sich, inwiefern
das überlieferte Geld nicht nur ökonomisch ineffizient, sondern
auch ungerecht und unfair ist.
4.2 Terminierungsfreiheit der Geldbesitzer versus Terminierungsunsicherheit
der Transaktoren
In einer Tauschwirtschaft müssen die Transaktoren im Tauschvertrag
darüber entscheiden, zu welchem Zeitpunkt sie die Leistung des jeweils
anderen bekommen sollen. So weiß jeder, wann er leisten muß
und wann er seine Leistung bekommt. In der Geldwirtschaft jedoch muß
der Verkäufer sich bei Vertragsschluß noch nicht darüber
entscheiden, was es zu welchem Zeitpunkt für das erlangte Geld kaufen
will. Er muß sich nicht einmal über den Zeitpunkt, an dem er
das jetzt erworbene Geld später überhaupt auszugeben wünscht,
entscheiden. Er darf in jeder Hinsicht unentschlossen bleiben. Denn mit
dem Geld erwirbt er Terminierungsfreiheit für seine Nachfrage: Er
kann nicht nur über die Güter, über die Partner und über
die Orte seiner Nachfrage entscheiden, sondern vor allem auch über
den Zeitpunkt. Daraus resultiert eine reziproke Terminierungsunsicherheit
auf seiten aller anderen, die Güter anbieten und dafür Geld nachfragen.
So ist mit der Terminierungsfreiheit des Geldhalters unausweichlich
die Terminierungsunsicherheit derer, die Sachgüter anbieten,
verbunden. Die Chancen und Annehmlichkeiten des Geldhalters sind zugleich
die Risiken und Kosten der Transaktoren, die ohne das in das Belieben des
Geldhalters gestellte Geld ihre Transaktionen untereinander nicht abwickeln
können.
Alles dies zeigt wiederum, daß das Geld eine asymmetrische
Verteilungsstruktur in die Wirtschaft hineinträgt: Wer es sich
leisten kann, Geld festzuhalten und zu verleihen, anstatt gezwungen zu
sein, es für Produktions- oder Konsummittel auszugeben, der wird zusätzlich
mit den wertvollen Freiheiten des Geldes belohnt, während die anderen
gleichzeitig mit Risiken und Kosten belastet werden. Das läuft auf
eine Art von stetigem Strom oder Transfer von Geldern hinaus, welche von
den Bedürftigen und Fleißigen, die die Kosten tragen, hinströmt
zu den Satten und Trägen, bei denen die Erträge eintreffen.
4.3 Die Produktion von und die Profite aus monetärer Liquidität
Wenn niemand Geld annimmt, ist es wertlos für Transaktionen. Geld
fungiert nur als Geld, wenn jedermann zuverlässig erwarten kann, daß
jedermann das Geld als Medium für ökonomische Transaktionen ausgibt
und annimmt. Es genügt daher nicht, daß irgendeine Behörde
oder Bank Geld als technisches Zahlungsinstrument ausgibt. Banknoten und
Münzen erlangen ihre Liquidität erst dadurch, daß sie ganz
allgemein als Geld verwendet werden.
Man kann das auch so ausdrücken: Das Geld erhält seine ökonomische
Liquidität nicht dadurch, daß eine Bank es emittiert, sondern
dadurch, daß die Transaktoren Gebrauch davon machen. Geldliche Liquidität
wird also produziert durch die Aktivität der Transaktoren, die es
benutzen. Die Transaktoren sind die Produzenten der monetären Liquidität.
Eben diese Liquiditätsproduktion wird jedoch unterbrochen, wenn
einzelne Marktteilnehmer das Geld nicht annehmen oder wenn sie es nicht
für eigene Transaktionszwecke ausgeben. Und wiederum profitiert genau
derjenige, der den Prozeß der Produktion monetärer Liquidität
unterbricht: z.B. wenn er, statt sein Geld auszugeben, seine Terminierungsfreiheit
genießt, oder wenn er sich für die profitable Option Verleihen
statt Kaufen entscheidet. So profitiert der Geldhalter und der Geldverleiher
davon, daß die anderen die Liquidität des Geldes überhaupt
erst hervorbringen. Deren Kosten sind Gewinne; deren negative externe Effekte
sind seine positiven internen Effekte.
5. Zinsfreies Geld: Das Netzwerk
Neutrales Geld
- Die Finanzinnovation NeuMoNe -
Bis hierher mußten wir das herkömmliche Geld mit seinen Wirkungen
sorgfältig und anschaulich analysieren, um zu erkennen, inwiefern
es tatsächlich ineffizient und ungerecht ist. Jetzt ist die Zeit gekommen
um zu zeigen, daß man sich mit dem herkömmlichen Geld nicht
mehr länger wie mit einem unveränderlichen Schicksal oder Verhängnis
abfinden muß. Neutrales Geld ist denkbar und machbar, und zwar als
Netzwerk neutrales Geld: Neutral Money Network (NeuMoNe).
5.1 Das Liquiditätskostenkonzept
Es gibt verschiedene Wege, dieses neutrale Geld zu erklären. Besonders
aufschlußreich ist es, wenn man bei den Optionen und Freiheiten ansetzt,
die das Geld dem Geldhalter vermittelt. Diese Freiheiten und Annehmlichkeiten
des Geldes hat man in der Ökonomie mit verschiedenen Namen bezeichnet,
die alle recht gut geeignet sind, das Phänomen zu veranschaulichen,
mit dem wir es zu tun haben: Annehmlichkeiten, Liquiditätsprämie,
Gelddienste, Ertrag und Kassehaltung, Produktive Dienste des Geldes, Geldhaltungsnutzen.
Alle diese Vorzüge des Geldes ergeben sich aus seiner einzigartigen
Fähigkeit, als generelles Transaktionsmedium zu dienen sowie aus den
damit verbundenen Sicherheiten und Chancen. Doch eben diese Transaktionsfunktion
des Geldes wird dadurch unterminiert, daß das Geld die soeben beschriebenen
Annehmlichkeiten und Dienste gerade dann kostenfrei vermittelt, wenn man
es in der Kasse festhält und daran hindert, seine Transaktionsfunktion
zu erfüllen. Diese kostenfreie Macht, durch Zurückhaltung des
Geldes ganze Transaktionsserien zu blockieren und von dieser Möglichkeit
zu profitieren, macht das Geld ineffizient bzw. suboptimal in bezug auf
seine Transaktionsfunktionen. Gerade weil das Geld das Transaktionsmittel
schlechthin ist, eignet es sich zur Pfründe, mit welcher der Transaktionsbedarf
der Menschen ausgebeutet werden kann.
Die wertvollen Gelddienste verführen die Individuen dazu, Geld
zu halten oder zu verleihen, anstatt es für wertbeständige oder
andere Güter auszugeben. Wenn man sich also Gedanken darüber
macht, die Dysfunktion des Geldes zu verringern und seine Effizienz zu
verbessern, dann gilt es, den oben erwähnten Verteilungseffekt des
Geldes zu beseitigen oder zu neutralisieren, kraft dessen die Geldhalter
den Nutzen und die etwaigen Erträge aus Geldverleih haben, während
die anderen mit den Risiken und Kosten belastet werden.
Da die Ursachen des Verteilungseffektes, nämlich die Liquiditätsdienste
des Geldes, nicht beseitigt werden können, ohne daß man das
Geld selbst abschafft, kann sich die Strategie nur darauf richten, den
ökonomischen Effekt der wertvollen Gelddienste zu kompensieren, und
zwar auf eine extrem einfache Weise. Wenn nämlich das Problem darin
besteht, daß das Geld seine Gelddienste kostenlos erbringt, dann
lassen sich die einschlägigen Effekte schlicht und einfach dadurch
kompensieren, daß dem Geld Kosten angeheftet werden, die genauso
lästig sind, wie seine Chancen und Annehmlichkeiten nützlich
und ökonomisch wertvoll sind.
Das Konzept des neutralen Geldes läuft daher einfach darauf hinaus,
daß dem Geld Durchhaltekosten oder Lagerhaltungskosten angeheftet
werden müssen, um seinen Liquiditätsnutzen auszugleichen. Geldguthaben
müssen mit Liquiditätskosten von solcher Höhe verbunden
sein, daß die Grenzkosten den Grenznutzen der Geldhaltung kompensieren.
Die elementaren Formeln, die dieser Idee zugrunde liegen, kann man schon
im 17. Kapitel der Allgemeinen Theorie von John Maynard Keynes
finden. Keynes nämlich hat den Effekt solcher Durchhaltekosten schon
im einzelnen erörtert. Er hat sogar mäßige Lagerhaltungskosten
auf Liquidität in seine Vorschläge für den Internationalen
Währungsfonds aufgenommen.
5.2 Wettbewerb zwischen herkömmlichem und neutralem Geld
Das herkömmliche Geld erfüllt seine Transaktionsfunktionen suboptimal,
weil es bei den Transaktoren dysfunktionale Kosten in Gestalt der Geldzinsen
zur Folge hat, nämlich Kosten, die bewirken, daß diese Transaktoren
entweder mit Geldausgaben belastet werden oder überhaupt von an sich
möglichen Transaktionen abgehalten werden. Der Vorteil des Projektes
Netzwerk Neutrales Geld liegt also darin, daß es den Transaktoren
eine Finanzinnovation bietet, die die herkömmlichen Transaktionsfunktionen
des Geldes ohne weiteres, aber bei wesentlich geringeren Kosten erfüllt.
Indem den potentiellen Transaktoren monetäre Transaktionsdienste angeboten
werden, die preiswerter sind als die des herkömmlichen Geldes, kann
man erwarten, daß die Finanzinnovation Netzwerk Neutrales Geld sich
im Wettbewerb gegenüber dem herkömmlichen Geld durchsetzt.
Die bessere Startposition hat freilich das herkömmliche Geld. Es
wird bereits von jederman akzeptiert, ausgegeben und als Zahlungsmittel
verwendet. Das neutrale Geld dagegen muß erst noch eingerichtet,
bekanntgemacht und praktisch in Gebrauch genommen werden. Darüber
hinaus sind die Menschen, was das Geldsystem angeht, extrem ängstlich
und konservativ. Wie dem auch sei, jedenfalls spricht die Ausbreitung von
Barter-Clubs dafür, daß die Geld- und Finanzmärkte sogar
eine Lücke für Transaktionsverfahren offen lassen, die in der
Einführungsphase noch ineffizienter sind als die Finanzinnovation
Netzwerk Neutrales Geld. Diese Finanzinnovation ist nämlich vor allem
darin flexibel und den Barterklubs überlegen, daß sie die Möglichkeit
bietet, neutrales Geld als Basis für herkömmliches Geld und umgekehrt
zu benutzen.
Die Startphase bleibt freilich die schwierigste, weil das neutrale Geld
seine Effizienz solange nicht wirklich unter Beweis stellen kann, wie die
Zahl der Teilnehmer so gering ist, daß sie relativ hohe Kosten bei
der Suche von Partnern und entsprechend hohe Frustationskosten haben, falls
sie sie nicht finden. Aber diese Startschwierigkeiten können ganz
wesentlich reduziert werden, wenn z.B. die Stadtkämmerer der Gemeinden
vor Ort ihre Bereitschaft erklären, im Netzwerk mitzumachen.
Die Freigeldprojekte, die im deutschen Schwanenkirchen und im österreichischen
Wörgl während der Depression in den 30er Jahren erfolgreich begonnen
wurden, bezeugen, daß es nicht unmöglich ist, kostentragendes
Geld einzuführen. Ganz im Gegenteil; die damaligen Projekte arbeiteten
so gut und drohten sich so schnell auszubreiten, daß sie von seiten
der staatlichen Behörden nur durch Verbot unterdrückt werden
konnten. Es handelte sich um Noten, deren Rückseite freie Felder für
die Monate oder Wochen des Jahres vorsahen, die periodisch mit Gebührenmarken
zu bekleben waren. Den Vorwand für die Verbote lieferte die Tatsache,
daß seinerzeit Notgeldscheine verwendet wurden, was formal den Gesetzen
zuwiderlief.
5.3 Einige technische Einzelheiten
5.3.1 Neutrales Giralgeld und neutrales Papiergeld
Die Finanzinnovation Netzwerk Neutrales Geld arbeitet mit Giralgeldkonten.
NeuMoNe
nutzt die Tatsache aus, daß die Geschäftsbanken Giralgeld schaffen
bzw. emittieren dürfen. Deshalb gibt es auch keine technischen Probleme
damit, die Teilnehmer mit den jeweiligen Liquiditätskosten zu belasten.
Insofern unterscheidet sich das Netzwerk Neutrales Geld entscheidend von
den früheren Projekten mit kostentragendem Geld, inbesondere von Irving
Fishers berühmtem Stamp Scrip-Vorschlag, mit dem Fisher 1933 in den
USA die Arbeitslosigkeit bekämpfen und die Wirtschaft in Schwung bringen
wollte. Denn auch das Stamp Scrip-Konzept beruhte auf ähnlichen Noten
wie die Projekte von Schwanenkirchen und Wörgl. Trotzdem kann das
Buch Stamp Scrip, mit dem Fisher und sein damaliger Assistent Cohrssen
sich für kostentragendes Geld eingesetzt haben, heute noch als populäre,
anschauliche und praktisch lehrreiche Anleitung für die Einführung
von neutralem Geld gelesen und empfohlen werden. Dies gilt erst recht,
sobald sich staatliche Instanzen entschließen sollten, neutrales
Geld auch in Form von Banknoten in Verkehr zu bringen.
5.3.2 Das NeuMoNe-Konto
An der Projektgruppe, mit deren Hilfe NeuMoNe auf kommunaler oder
regionaler Ebene eingeführt wird, sollten Geschäftsleute, Unternehmer,
Gewerkschaften, usw., vor allem aber auch die Kommunen und ihre Stadtkämmerer
teilnehmen, je mehr, desto besser. Entscheidend freilich ist, daß
eine Bank oder Sparkasse (oder mehrere) mitmachen, und zwar solche Zahlungsinstitute,
die tief im örtlichen Zahlungsverkehr verwurzelt sind.
Es ist nicht erforderlich, daß die Teilnehmer am NeuMoNe-Netzwerk
sich unbeschränkt bereiterklären, NeuMoNe an Zahlung statt
auf alle ihre Transaktionsaktivitäten zu akzeptieren. Es genügt
vielmehr, daß sie ein NeuMoNe-Konto eröffnen und ihre
Bereitschaft erklären, zu bestimmten Bedingungen oder auch nur von
Fall zu Fall NeuMoNe als Zahlungsmittel zu akzeptieren bzw. zu verwenden.
Je umfassender die Bereitschaft, NeuMoNe zu akzeptieren, desto einfacher
freilich ist es, dieses Zahlungsmittel auf lokaler oder regionaler Ebene
einzuführen und im Wettbewerb durchzusetzen.
Die NeuMoNe-Bank hat die Chance, neue Kunden anzuwerben, die
von der Teilnahme am Netzwerk des zinsfreien Geldes Umsatz- und Gewinnzunahme
erhoffen. Kommunen und Unternehmer haben die Chancen, zusätzliche
Projekte ohne zusätzliche Zinskosten in Angriff zu nehmen. Normale
Konsumenten profitieren z.B., wenn sie in herkömmlichem Geld verschuldet
sind und Zinsen zahlen: Sie können ihr laufendes Einkommen zur Schuldentilgung
verwenden und so lange von Krediten in NeuMoNe leben, bis sie ihre
Schulden ganz auf zinsfreie Kredite umgestellt haben. Die gleiche Möglichkeit
steht natürlich auch den Finanzministern und Stadtkämmerern zu,
die sich mit Schulden der Öffentlichen Hand herumplagen.
Der springende Punkt besteht darin, daß die N-Bank ihren Kunden
(auf Antrag und im Rahmen ihrer Kreditwürdigkeit) NeuMoNe-Kredite
gutschreibt, die zu einem Zinssatz von nahe Null Prozent gewährt werden,
bei denen jedoch während der Zeit Liquiditätskosten anfallen,
während derer man liquide Posten auf seinem Konto stehen hat. (Herkömmliche
Zinsen enthalten in der Regel auch einen Preis für das Rückzahlungsrisiko.
Im NeuMoNe-System kann dafür ein zinsähnlicher Preis oder
eine einmalige Prämie berechnet werden).
Im NeuMoNe-System entstehen Geldkosten also nicht eigentlich
durch den Kredit, sondern dadurch, daß man liquide (unentschlossen)
bleibt. Wenn und soweit der Bankkunde sich entschließt und über
sein Guthaben verfügt, so daß es einem anderen Kunden gutgeschrieben
wird, befreit er sich von den Liquiditätskosten. Er schiebt gewissermaßen
zusammen mit seinem Guthaben auch die Liquiditätskosten auf das Konto
des Empfängers. Auf diese Art und Weise trägt jeder Teilnehmer
des NeuMoNe-Systems Liquiditätskosten nur für die Zeit,
während der er, und in dem Umfang, wie er liquide ist. Unterdessen
hat die N-Bank laufende Erträge aus den Liquiditätskosten, die
unabhängig davon sind, auf wessen Konten das Guthaben gerade steht.
Denn während die Guthaben von Konto zu Konto wandern, folgen ihnen
auch die Liquiditätskosten.
5.3.3 Die Re-Finanzierung von NeuMoNe-Krediten
Bevor freilich die N-Bank den Teilnehmern des NeuMoNe-Systems Kredite in
NeuMoNe
gutschreiben kann, muß sie sich in der einen oder anderen Weise refinanzieren,
also z.B. Depositen einwerben oder Anleihen auf den Finanzmärkten
plazieren. Die Erstausstattung für die Initialisierung des NeuMoNe-Systems
könnte allerdings auch von der Initiativgruppe selbst aufgebracht
werden, die NeuMoNe einführen möchte. (Unberücksichtigt
bleibt hier, inwiefern die Geschäftsbanken im Rahmen der Bestimmungen
über die Mindestreserven auch ohne Re-Finanzierung die Kompetenz haben,
Giralgeld gewissermaßen aus dem Nichts zu schaffen).
Für das aufgenommene Geld, das zur Re-Finanzierung des neutralen
Geldes dient, hat die N-Bank Zinsen zu zahlen. Folglich muß die N-Bank
ihren Kunden im NeuMoNe-System auch Liquiditäts- und andere Kosten
in dem Umfange berechnen, daß sie auf ihre Kosten kommt und Profite
machen kann. Zu diesem Zweck kalkuliert die N-Bank u.a. eine entsprechende
Marge zwischen dem Zinssatz der aufgenommenen Gelder einerseits und dem
Prozentsatz der Liquiditätskosten andererseits.
5.3.4 Belastung der Kosten im NeuMoNe-System in herkömmlichem
Geld
Im NeuMoNe-System werden im wesentlichen statt der herkömmlichen Zinsen
Liquiditätskosten berechnet. Auf diese Weise werden die konventionellen
Zinskosten in neuartige Liquiditätskosten verwandelt und das herkömmliche
Geld in neutrales Geld transformiert.
Dabei ergibt sich eine Schwierigkeit: Während der Startphase des
NeuMoNe-Systems
(solange, wie NeuMoNe das herkömmliche Geld noch nicht verdrängt
und ersetzt hat), muß die N-Bank ihre eigenen Verbindlichkeiten zunächst
vollständig und später mindestens teilweise in herkömmlichem
Geld begleichen. Deshalb muß die N-Bank ihre Kosten und Gebühren
bei den NeuMoNe-Kunden ebenfalls in herkömmlichem Geld
einfordern. Das führt im Ergebnis dazu, daß im NeuMoNe-Netzwerk
die Zahlungen selbst zwar in NeuMoNe abgewickelt werden, daß
aber die Kosten und Gebühren zunächst und bis auf weiteres in
herkömmlichem Geld belastet werden. Also sollten die Kunden bei der
Bank ein weiteres normales Konto für herkömmliches Geld führen.
5.3.5 Symmetrische Liquiditätskosten für positive und
negative Bestände auf dem NeuMoNe-Konto
Hier muß noch eine weitere ungewohnte Besonderheit bedacht werden:
Die NeuMoNe-Konten müssen nämlich mit Liquiditätskosten
unabhängig davon belastet werden, ob sich die liquiden Posten auf
dem Konto im Soll oder im Haben befinden. Ein Argument dafür ist recht
leicht einzusehen: NeuMoNe-Transaktoren könnten sonst in liquide
Überziehungskredite fliehen und so wiederum eine eigene Terminierungsfreiheit
zu Lasten der anderen genießen. Der eigentliche Grund für die
Belastung auch von liquiden Negativsalden hängt mit diesem Argument
zusammen und kann wie folgt erläutert werden:
Die früheren Projekte mit kostentragendem Geld basierten auf Papiernoten.
Diese Noten ihrerseits repräsentierten immer positive Geldguthaben
in der Hand des Betroffenen. Auf NeuMoNe-Konten aber kann man nicht
nur positive, sondern auch negative Geldbeträge mit sich herumführen:
- Positive liquide Posten (Guthaben) repräsentieren, wie
beim Papiergeld, die monetäre Chance, das Geld zu einem unbestimmten
zukünftigen Zeitpunkt auszugeben (eine Transaktion abzuwickeln). Das
ist die Terminierungsfreiheit (timing freedom), von der oben die Rede war:
eine Freiheit des Geldhalters, die mit der Unsicherheit anderer, Geld zu
erwerben, verbunden ist. Unter neutralem Geld ist diese Terminierungsfreiheit
nicht mehr kostenlos zu haben. Sie ist vielmehr mit Liquiditätskosten
verbunden, die im Grenzfall so kostspielig wie die Gelddienste nützlich
sind.
- Negative liquide Posten (Debitsalden) repräsentieren, anders
als Papiergeld, die negative monetäre Erwartung, die reziprok der
positiven entspricht, nämlich die Erwartung, zu einem unbestimmten
zukünftigen Zeitpunkt Geld zu erwerben, um die Schuld zu tilgen.
Unter neutralem Geld darf es keine Rolle spielen, woher die Unsicherheiten
für die anderen Wirtschaftsteilnehmer kommen: ob sie daher rühren,
daß jemand sein Guthaben nicht ausgibt, oder daher, daß jemand
kein Geld zum Ausgleich seines Debitsaldos annimmt. Folglich müssen
negative Salden ebenso mit Liquiditätskosten belastet werden wie positive.
Es kommt insoweit nur auf die absolute Abweichung von der Null-Linie an.
Übrigens hat Keynes, in seinen sogenannten Keynes-Proposals
für die internationale Währungsunion, solche symmetrischen
Liquiditätskosten für die Konten der Mitglieder beim internationalen
Währungsfonds vorgeschlagen.
5.3.6 Die Vermeidung der Liquiditätskosten
Teilnehmer des NeuMoNe-Systems können Liquiditätskosten
auf unterschiedlichen Wegen vermeiden, und zwar auf Wegen, die aufschlußreich
sind im Hinblick auf die charakteristischen Unterschiede zwischen Theorie
und Praxis einerseits des herkömmlichen und andererseits des neutralen
Geldes.
Um kostspielige Positivsalden auf dem Konto zu reduzieren, können
die Kunden sich ihres NeuMoNe-Geldes entäußern, indem
sie gekaufte Güter bezahlen oder indem sie es verleihen, sei es an
Dritte, sei es an die NeuMoNe-Bank selbst. So können sie z.B.
ihr Guthaben auf ein NeuMoNe-Sparbuch der NeuMoNe-Bank übertragen.
Dieses Sparen bedeutet dann nicht mehr so sehr, daß sie Konsumverzicht
leisten, als vielmehr, daß sie ihre Unentschlossenheit aufgeben und
für ihr entschlossenes Verhalten durch Entlastung von den Liquiditätskosten
belohnt werden. So wie bisher positive Zinsen zum Sparen verführten,
so motivieren unter neutralem Geld die Liquiditätskosten zur Optimierung
von Lagerhaltung in realen Gütern und Kassenhaltung.
Um kostspielige Negativsalden zu reduzieren, können NeuMoNe-Teilnehmer
sich durch Verkauf von Gütern Geld beschaffen oder sich NeuMoNe-Geld
von Dritten oder von der N-Bank selbst leihen. So besorgen sie sich z.B.
einen festen NeuMoNe-Kredit von der N-Bank, um ihren liquiden NeuMoNe-Saldo
auf dem NeuMoNe-Girokonto auszugleichen. Auch dies bedeutet nicht,
daß sie sich Finanzkapital besorgen, sondern daß sie ihre Unentschlossenheit
beenden und dafür wiederum durch Entlastung von Liquiditätskosten
belohnt werden.
Man sieht: Wir müssen gründlich umlernen und umdenken, bis
wir uns an die Konsequenzen eines neutralen Geldes gewöhnt haben und
erkennen, daß nicht die neuen und ungewohnten Vorstellungen, sondern
Implikationen des herkömmlichen Geldes ökonomisch unsinnig sind.
5.3.7 Wechseln von herkömmlichem Geld zu NeuMoNe und umgekehrt
NeuMoNe ist insbesondere darin flexibel, daß es einem ermöglicht,
herkömmliches Geld in NeuMoNe-Guthaben und umgekehrt zu verwandeln.
Positive NeuMoNe-Guthaben können selbstverständlich
nicht direkt in den gleichen Betrag herkömmlichen Geldes verwandelt
werden. Diese Möglichkeit würde das System ruinieren. Die NeuMoNe-Kunden
können jedoch ihr NeuMoNe-Guthaben z.B. auf NeuMoNe-Sparguthaben
einzahlen oder NeuMoNe-Anleihen kaufen, um Liquiditätskosten
zu vermeiden und um auf diese Weise der Bank Sicherheiten zu überlassen,
auf deren Grundlage sie dann konventionelle Kredite ziehen können,
für die dann freilich auch Zinsen zu zahlen sind.
Umgekehrt wird ein Kunde, der eine Schuld in NeuMoNe begleichen muß,
aber nur über herkömmliches Geld verfügt, sein Geld nicht
auf einem NeuMoNe-Konto einfach deponieren, um dann durch Überweisung
zu zahlen. Er wird das herkömmliche Geld vielmehr bei der Bank anlegen,
um dann einen NeuMoNe-Kredit zu bekommen, mit dessen Hilfe er anschließend
seine NeuMoNe-Schuld begleicht.
Auf diese Weise können Kunden mit herkömmlichem Geld von den
Margen zwischen herkömmlichem Geld und NeuMoNe profitieren,
ohne das NeuMoNe-System zu gefährden. Im Gegenteil: Die Chance,
daß Inhaber herkömmlichen Geldes insoweit von den Margen zwischen
den Zinsen für herkömmliches Geld und den Kreditkosten von NeuMoNe
profitieren können, prädestiniert NeuMoNe dazu, sich im
Wettbewerb durchzusetzen. Denn sogar Inhaber herkömmlichen Geldes
entwickeln als Transaktoren ein Interesse daran, ihre Geschäftspartner
dazu zu überreden, Zahlungen in NeuMoNe zu akzeptieren. Eben
dadurch aber tragen sie mittel- und langfristig dazu bei, daß die
Nachfrage auf den herkömmlichen Geld- und Kapitalmärkten nach
Liquidität und Kredit zurückgeht, während das Angebot steigt,
- daß also, mit anderen Worten, auch beim herkömmlichen Geld
der Zins sinkt und sich die Marge verringert, die die Inhaber herkömmlichen
Geldes ausnutzen können.
Je stärker sich das NeuMoNe-Netzwerk ausbreitet, desto größer
sind die Chancen der teilnehmenden Banken, sich auch in NeuMoNe
zu reliquidisieren, statt die traditionellen Geld- und Finanzmärkte
in Anspruch zu nehmen. Schließlich werden sich dann auch, so wie
es jetzt Devisenmärkte gibt, Märkte entwickeln, auf denen herkömmliches
Geld gegen NeuMoNe und umgekehrt gehandelt wird. Der Preis des herkömmlichen
Geldes in NeuMoNe wird dann den Nennwert des herkömmlichen
Geldes übersteigen, und zwar deshalb, weil das herkömmliche Geld
als ideale kostenlose Liquiditätsreserve fungieren kann, für
die es sich lohnt, einen geringen Aufpreis zu zahlen. Die Zentralbank wird
dafür sorgen, daß die Mengen herkömmlichen Geldes, die
als derartige Liquiditätsreserve gehalten werden, sich in solchen
Grenzen halten, daß von ihnen keine Gefahren für die Volkswirtschaft
ausgehen.
6. Drei typische Einwände
gegen neutrales Geld
In Gesprächen über neutrales Geld werden üblicherweise drei
bestimmte Einwände gegen das neutrale Geld erhoben, - Einwände,
die durchaus überzeugend klingen, solange man sich mit seinen Vorstellungen
in Theorie und Praxis des herkömmlichen Geldes bewegt. Es ist, und
es war für mich, unmöglich, das gesamte Denken in Kategorien
des herkömmlichen Geldes auf einmal umzuschalten auf die Zusammenhänge
und Einsichten, die sich in einer Welt neutralen Geldes ergeben. Wie schon
erwähnt, ist es schwierig, an der Effizienz unseres überlieferten
Geldes überhaupt auch nur zu zweifeln. Noch schwieriger ist es, diese
Ineffizienz tatsächlich zu begreifen und - wenigstens in der Theorie
- eine monetäre Transaktionstechnik zu entwickeln, die die beobachteten
Ineffizienzen vermeidet. Aber selbst wenn das gelungen ist, bewegt man
sich noch lange nicht innerhalb der neuen Welt des neutralen Geldes. Die
herkömmlichen Sichtweisen, Erwartungen und Verhaltensweisen sind noch
in Kraft und arbeiten in uns. Sie suggerieren aus Zweifel über Zweifel
an den neuen Konzepten, - Zweifel, die auf Erfahrungen im Umgang mit dem
herkömmlichen Geld und auf den Theorien beruhen, die das herkömmliche
Geld zugrundelegen, - Zweifel, die aber, wie sich zeigt, in der Regel auf
Täuschungen beruhen und sich als ungerechtfertigt erweisen.
6.1 Ohne Zinsen wird nicht mehr gespart
Der erste typische Einwand ist: Wer wird denn noch sparen, wenn er keine
Zinsen mehr bekommt?
Die Antwort ist einfach: Jeder, der sich über seine Zukunft Gedanken
macht, neigt dazu, seine monetären Zugriffsrechte auf das Sozialprodukt
optimal über seine Lebenszeit zu verteilen, und zwar so, daß
er auch in Zukunft seinen erwarteten Lebensstandard aufrecht erhalten kann,
auch wenn er dann keine Einkünfte mehr zu erwarten hat. Wenn jedoch
solche Individuen, die sich Gedanken über ihre Zukunft machen, Zinsprämien
für Transaktionsaufschübe erhalten, dann werden sie dazu motiviert
und verführt, in der Gegenwart weniger und in der Zukunft mehr zu
konsumieren, als es der unverfälscht-optimalen Verteilung ihrer realen
Bedürfnisse entspricht. Und umgekehrt, wer mit Zinskosten dafür
bestraft wird, wenn er in der Gegenwart Transaktionen abwickelt, um zu
produzieren oder zu konsumieren, - auch der wird durch diese Zinsstrafe
dazu motiviert und verführt, von seinen Optimalvorstellungen abzuweichen,
nämlich weniger zu produzieren bzw. zu konsumieren, als er ohne Zinslasten
produzieren oder konsumieren würde.
Es stimmt eben schlicht und einfach nicht, daß Zinsen der Produktion
förderlich sind, weil sie zum Sparen anregen; Zinsen wirken vielmehr
ganz allgemein sowohl den Konsum- als auch Produktionsaktivitäten
in der Gegenwart entgegen, weil sie in jedem Falle die Transaktionsträgheit
des Sparers belohnen und die Transaktionsaktivitäten
von Unternehmern bzw. Konsumenten bestrafen. Die Zinseffekte laufen
also auf die Bestrafung von Fleiß, Initiative und Aktivität
hinaus, statt daß sie Produktivität prämieren würden!
Es ist schon eigenartig, wie lange und wie gründlich Laien und Fachleute
sich darüber getäuscht haben. Zinsen haben einen Abschreckungs-
und Erdrosselungseffekt in bezug auf Produktion und Konsum. So werden z.B.
alle Investitionen, die in realen Größen an sich noch
profitabel wären, deren Erträge aber den monetären
Standard der Zinserträge aus angelegtem Geld nicht erreichen, durch
die künstlichen Transaktionskosten des monetären Systems blockiert.
Im übrigen werden Geldhalter unter neutralem Geld durch die Liquiditätskosten
nicht weniger zum Geldverleihen motiviert als heute durch die Zinsen. Die
Frage: Wer wird denn noch sparen, wenn er keine Zinsen mehr bekommt? deutet
daher eher darauf hin, daß der Frager noch nicht im NeuMoNe-System
denken kann. Eher wäre zu fragen: Lohnt es denn noch zu arbeiten,
wenn das Geld, das man verdient, nicht auch noch selbst wieder Geld verdienen
kann?
Auch darauf ist die Anwort einfach: Es lohnt sich durchaus, so lange
zu arbeiten, wie man noch reale Gegenwarts- und Zukunftsgüter braucht.
Wer will, mag auch um der schieren Vermögensanhäufung willen
weiterschuften. Aber Menschen durch Zinsen dazu zu motivieren, Vermögensmassen
zu bilden, nur um den Transaktionsbedarf der anderen zur Pfründe für
sich selbst zu machen, mag zwar kapitalistisch verlockend sein, ist aber
ökonomisch unsinnig und ethisch verwerflich.
Wer unter neutralem Geld Ausgaben erspart, weil er keine Zinsen mehr
zahlt, kann die ersparten Zinsen für andere Zwecke verwenden. Er mag
dieses Geld sparen, indem er damit Ansprüche auf Zukunftsgeld kauft.
Oder er gibt es für andere Gegenwarts- oder Zukunftsgüter aus.
Da Individuen, die Geld leihen, dieses Geld normalerweise für Gegenwartsgüter
brauchen, werden sie die unter neutralem Geld eingesparten Zinsen in erster
Linie verwenden, um solche Güter zu erwerben. Konsumenten werden also
mehr Konsumgüter, Produzenten mehr Investitionsgüter nachfragen
als heute.
Andererseits werden wohlhabende Geldbesitzer weniger oder keine Zinsen
mehr bekommen. Also können sie weniger Geld ausgeben. Die Nachfrage
nach den von ihnen begehrten Gütern und Kapitalien wird daher nachlassen.
Da es sich bei ihnen typischerweise um wohlhabende Menschen handelt, die
über entbehrliche Gelder verfügen, werden sie unter neutralem
Geld nach wie vor dazu neigen, ihr Geld zu sparen, und zwar in der Form,
daß sie Ansprüche auf Zukunftsgeld erwerben; denn mehr Realgüter
anzuhäufen, wird schnell unrentabel, weil bei sinkendem Grenznutzen
die steigenden Grenzkosten bald zu Negativerträgen zusätzlicher
Realgüter führen. Unter neutralem Geld wird es daher gerade auch
für wohlhabende Menschen profitabel sein, ertrags- und kostenlose
Obligationen zu erwerben anstelle von zusätzlichen Gütern, bei
denen die Grenzkosten den Grenznutzen übersteigen. Soweit sie freilich
Realgüter finden, die praktisch ohne Kosten gelagert werden können
und dabei ihren Wert behalten oder sogar im Wert steigen, werden Reiche
solche Güter nachfragen. Die nicht vermehrbaren Güter werden
verstärkt gesucht werden und im Preis steigen, wenn man nicht bei
ihnen ähnlich wie beim neutralen Geld das bloße Haben ohne persönliche
Nutzung kostspielig macht. Aufschlußreich ist auch, was bei Kunstwerken
zu erwarten ist: Schon allein der ästhetische Ertrag, den Kunstwerke
abwerfen, wird dazu führen, daß sie sich bei sonst gleichen
Bedingungen gegenüber ertraglosen Obligationen im Wettbewerb um die
Gunst der reichen Geldanleger häufig durchsetzen werden.
6.2 Wird es ohne Zinsen noch genug Kapital geben?
Ein zweiter, mit dem ersten eng verwandter Einwand ist: Wenn Geldanlagen
keine Zinsen mehr einbringen, dann wird es einen Mangel an Finanzkapital
und folglich einen Mangel an Produktionskapital geben.
Wie aber soeben ausgeführt wurde, steht Finanzkapital für
Erträge, die die Effizienz des Geldes als Transaktionskatalysator
unserer Wirtschaft nicht verbessern, sondern stören und vermindern.
Das gleiche gilt von Kapital, soweit der Terminus für die Erträge
vermieteter oder verpachteter oder sonstiger fremdgenutzter Realgüter
steht: Die fleißigen Nutzer dieser Güter können deren Nützlichkeit
nicht zum Leben erwecken, es sei denn, daß sie den Eigentümern
Erträge bringen, die, grob gesagt, den Zinsen entsprechen, die die
Nutzer zu zahlen hätten, wenn sie diese Güter nicht mieten oder
pachten oder sonst fremdnutzen, sondern kaufen würden. Es gehört
zum Widerstand in den Köpfen, daß wir an die Produktivität
des Kapitals glauben. Diese angebliche Produktivität des Kapitals
erschöpft sich jedoch darin, ein Ansporn für Inaktivität
(auf der Angebotsseite) und eine Strafe für Aktivität (auf der
Nachfrageseite von Kapital) zu sein. Folglich ist Finanzkapital in Wahrheit
nichts anderes als erstens der Ausdruck, mit dem wir eine begriffliche
Selbsttäuschung bezeichnen, und zweitens der Ausdruck für die
ideologische Legitimation einerseits der Ineffizienz unseres Geldes und
andererseits der sozialen Ungerechtigkeit, die es mit sich bringt. Wir
leiden unter einer fatalen kapitalistischen Täuschung, welche uns
vorgaukelt, daß die kontraproduktiven Effekte von Kapital etwas Nützliches
und Produktives seien.
Das physische Kapital freilich (im Sinne realer Produktionsmittel),
mit dessen Hilfe man wirklich effektiver zu produzieren vermag, kann billiger
und daher schneller unter neutralem Geld gebildet werden als heute: Unternehmer
bekommen Kredite so gut wie zum Nulltarif, und Konsumenten werden nicht
durch Zinsen davon abgehalten, so viel ihres Lebenseinkommens in die Gegenwart
zu holen, wie ihnen optimal erscheint. Die Konjunktur würde mithin
sowohl auf der Angebotsseite, bei den Investitionen, als auch auf der Nachfrageseite,
beim Verbrauch, von Kostenbremsen befreit. Realkapital wird nicht mehr
künstlich knapp gehalten durch die ungesunde Konkurrenz mit dem Geldzins
(Keynes).
Es gäbe also unter neutralem Geld alsbald mehr Realkapital als
unter unserem dysfunktionalen alten Geld. Um auf die Ausgangsfrage dieses
Abschnittes zurückzukommen: Heute gibt es einen Mangel an Sachkapital,
weil
Geld Zinsen kostet.
6.3 Preisbildung und Allokation unter neutralem Geld
Der dritte Haupteinwand ist: Wenn man für Kredite keine Zinsen mehr
zahlen muß, dann kann man sich ja unendliche Geldmengen borgen. Das
ist absurd und zeigt die Absurdität der Idee von neutralem Geld. Es
sind die Zinsen, und es werden immer die Zinsen sein, die als Preis dafür
sorgen, daß die finanziellen Ressourcen und damit indirekt auch die
realen Ressourcen richtig alloziert werden. Wiederum ist die Antwort sehr
einfach. Sie zu verstehen, setzt freilich ein Minimum von Einsicht in elementare
ökonomische Zusammenhänge voraus:
Wenn die Nachfrage nach Transaktionen für bedürftige Menschen
nicht mehr länger durch Zinskosten beschränkt wird, dann reagieren
die Preise, die im Zug dieser Transaktionen vereinbart und gezahlt werden,
sensibler auf den realen Bedarf dieser Transaktoren. Die Allokation
von Ressourcen wird unter neutralem Geld mit einem Zinssatz in der Nähe
von Null Prozent nicht schlechter, sondern sie wird besser!
Und umgekehrt: Wenn Transaktionsmöglichkeiten wohlhabender Individuen
nicht mehr durch Zinserträge künstlich subventioniert und angespornt
werden, auch dann werden wiederum die realen Bedürfnisse sowohl
der Verleiher als auch der Leiher von Geld sensibler und adäquater
in den Preisen direkt gespiegelt als unter den Bedingungen eines zinsträchtigen
Geldes. Die Allokation von Ressourcen wird unter neutralem Geld nicht schlechter,
sondern sie wird besser!
Und alles dies gilt insbesondere auch im Hinblick auf die Gegenwartspreise
zukünftiger Güter.
Unter dem Regime des herkömmlichen Geldes werden also die Preise
der Güter durch monetäre Bestrafung oder Subventionierung der
Transaktoren verfälscht, und zwar so, daß die Güter für
die Wohlhabenden billiger, kostenlos oder sogar ertragreich und für
die Bedürftigen teurer oder sogar unerreichbar werden. Neutrales Geld
dagegen wirkt transparent: Unter dem Regime neutralen Geldes werden die
realen Bedürfnisse auf unverfälschte Weise in den Preisen reflektiert,
und zwar so, daß die Bedürftigen die Chance erhalten, Güter
wenigstens zu gleichen Bedingungen zu erwerben wie die Reichen, und daß
die Reichen erfahren können, wie es ist, wenn man leben muß,
ohne ständig monetär subventioniert zu werden.
Wenn aber die Preise die realen Bedürfnisse adäquater reflektieren,
dann ist auch automatisch die Allokation der Ressourcen besser organisiert.
An die Stelle der kontraproduktiven Allokation, die durch den Preis
des Geldes (durch die Zinsen) bewirkt wird, tritt die wesentlich effizientere
Allokation durch die Güterpreise selbst.
In dem Maße, wie die Zinssubventionierung reicher Vermögenshalter
unter neutralem Geld gegen Null tendiert, wird die Anhäufung von Sachgütern
kostspielig, statt ertragreich zu sein. Denn die Grenzkosten steigen bei
gleichzeitig sinkendem Grenznutzen. Diese realen Grenzkosten begrenzen
dann die Menge der Güter, die zu halten sich rentiert. Es ist unter
neutralem Geld daher vollkommen unsinnig, sich beliebig Kredite zu besorgen;
denn die Güter, die man alsbald damit erwerben muß, um den Liquiditätskosten
zu entgehen, bringen im Grenzfall bald mehr Kosten als Nutzen. Absurd ist
mithin nicht das neutrale Geld mit seinen Wirkungen. Absurd ist vielmehr
das überlieferte Geldsystem selbst. Denn es verführt und spornt
die Menschen dazu an, Güter anzuhäufen: Güter, die, in realen
Größen, einen negativen Grenznutzen für sie hätten,
die sie aber in kapitalistische Pfründen verwandeln können, weil
sie anderen, für welche der Grenznutzen positiv ist, vorenthalten
und nur zeitweise zum Gebrauch überlassen werden.
Außerdem, um noch einmal auf die unendlichen Geldmengen aus Krediten
zum Nulltarif zurückzukommen: Wer oder welche Bank ist bereit, einem
Bürger mehr zu leihen, als er jemals zurückzahlen kann? Das Ausfallrisiko
ist die reale Begrenzung der Kredite überhaupt.
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