Seminar für freiheitliche Ordnung
der Kultur, der Wirtschaft und des Staates e.V.
Zeitschrift
Fragen der Freiheit

 

Abgedruckt in Heft 165 

Auf Arbeitslosigkeit 
programmierte
Wirtschaft
Diagnose und rechtstechnische Behandlung des Mehrwertsyndroms

von Prof. Dr. Dieter Suhr,

Universität Augsburg
(Überarbeitete Fassung eines Vortrages, der am 5. 2. 1983 in Mühlhausen gehalten
wurde auf einer Tagung des Seminars für freiheitliche Ordnung, Boll. Erstveröf-
fentlichung in: Zeitschrift für Rechtspolitik, Heft 9/1983, S. 221-227. Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung des C. H. Beck Verlages, München. Der Nachtrag wurde für das vorliegende Buch geschrieben.)

 

Inhaltsübersicht


I. Symptome
 


II. Diagnose
 

III. Therapie
  Nachtrag
  Anmerkungen
 

Vorwort

Es scheint wie verhext: Als es uns schlecht ging, nach dem Kriege; blühte
die Wirtschaft während einer längeren Zeit. Wir nannten das das "Wirt-
schaftswunder". Je besser es uns ging, desto heftiger wurden die Erkältun-
gen, die unsere Wirtschaft von Zeit zu Zeit ergriffen. Mit der Not sind wir
fertig geworden. Wohlstand und Fülle machen uns zu schaffen. Darüber
wurde schon viel nachgedacht. Die Krisen haben sicher viele Ursachen.
Doch ein wichtiger Wirkungskomplex, der die Ökonomie in den dreißiger
Jahren unter dem Stichwort "wirksame Nachfrage" eindringlich beschäf-
tigt hat, ist dabei bislang zu kurz gekommen. Der Verfasser versucht, die-
sem Krankheitssyndrom unserer Wirtschaft in drei Schritten beizukom-
men: Wie ein Arzt, der die Symptome aufnimmt, zur Diagnose übergeht
und dann die Therapie ansetzt. Die Therapie läuft darauf hinaus, daß durch
kleine Änderungen am Währungsgesetz rechtstechnisch neue Möglichkeiten
für Geldordnungspolitik erschlossen werden, insbesondere auch ein neuer
Aktionsparameter für die Währungs- und Wirtschaftspolitik.
 
 

I. Symptome

Schaut man auf die Wirtschaft, so springt ein Befund ins Auge, der sich
durch fünf hervorragende Symptome kennzeichnen läßt:
 

1. Massenarbeitslosigkeit;
2. ungestillter privater und vor allem öffentlicher Bedarf;
3. anschwellende Ströme von Zinszahlungen;
4. zunehmende Verschuldung und
5. ein bedrohlicher Wachstumszwang.
 

Nicht gefragte Leistung

Das Symptom Nummer 1 unserer siechenden Wirtschaft ist die Massenar-
beitslosigkeit: 2,5 Mill. Menschen bei uns wollen arbeiten. Sie finden aber
keine bezahlte Arbeit. Ihre Leistung wird nicht nachgefragt: "Leistung, die
nicht gefragt ist." 2,5 Mill. arbeitswillige Menschen sind eine ungeheuere
Leistungsreserve unserer Volkswirtschaft. Warum läßt unser Gemeinwesen
diese gewaltige und kostspielige Reserve ungenutzt herumstehen? - Weil es
an Nachfrage nach bezahlter Arbeit fehlt. Es ist, als ob alle unsere Wünsche
schon erfüllt seien. Es ist, als ob sowohl der private wie auch der öffentli-
che Bedarf längst gestillt sei. Es ist, als gäbe es bei uns nichts mehr zu tun.
Wir wissen offenbar nicht wohin mit unserem Überschuß an menschlicher
Arbeitskraft. Deshalb nehmen wir 2,5 Mill. unfreiwillige Müßiggänger in
Kauf; samt aller damit verbundenen Demütigung und Entwürdigung, samt
allem damit verbundenen menschlichen Leid. In dieses Bild passen auch
die Vorschläge, die darauf zielen, das bißchen noch vorhandener Arbeit ge-
rechter zu verteilen: weniger Arbeitsstunden, kürzere Lebensarbeitszeit.
Gibt es aber denn·wirklich bei uns nichts mehr zu tun? Ist unser privater
und öffentlicher Bedarf wirklich gestillt? Haben wir keine Wünsche, keine
Träume mehr? Sind alle öffentlichen Aufgaben erledigt?
 
 

Nicht befriedigter Bedarf

Symptom Nummer 2 unserer kranken Wirtschaft ist massenhaft unbefrie-
digter Bedarf nach volkswirtschaftlicher Leistung, und zwar sowohl im pri-
vaten wie im öffentlichen Bereich. Je länger z. B. die Arbeitslosen ohne be-
zahlte Arbeit sind, desto stärker müssen sie sich einschränken. Nicht etwa
ihr Bedarf bildet sich zurück. Sie müssen den Gürtel vielmehr wider Willen
enger schnallen. Viel lieber hielten sie mehr als weniger Nachfrage nach
volkswirtschaftlichen Leistungen.
 

Wir kennen auch die relative Armut kinderreicher Familien und die schrei-
ende Ungerechtigkeit, daß Mütter und Hausfrauen als die Sklavinnen der
modernen Industriegesellschaft keine auch nur annähernd angemessene
ökonomische Anerkennung für die Leistung erhalten, die sie tagtäglich der
Volkswirtschaft und insbesondere denen erbringen, die heute keine Kin-
der, morgen aber Renten haben wollen. Gerechtigkeit in diesem Bereich
kann unser Gemeinwesen sich nicht leisten. Dafür fehlen ihm anscheinend
die Leistungsreserven. Dafür ist unsere Volkswirtschaft zu arm.
 

Unsere Wälder sterben. Wir können es uns nicht leisten, die Abgase rigoros
zu entgiften. Dazu fehlen die Mittel. Die Anwohner von Straßen werden
vom Lärm; vom Gestank und vom Dreck geplagt. Wir können es uns nicht
leisten, sie rigoros zu schützen. Dazu fehlen die Mittel. Wir haben Berge von
dringenden Aufgaben im Gemeinwesen, deren Erledigung wir uns nicht lei-
sten können: z. B. auch manche Bahnstrecke nicht, weil sie sich nicht
mehr rentiert. In dieses Bild passen wiederum vorzüglich jene Moralpredig-
ten und Stammtischparolen, nach denen wir angeblich über unsere Verhält-
nisse gelebt haben und noch leben, und nach denen wir den Gürtel enger
schnallen müssen, um die Volkswirtschaft wieder flottzubekommen: So,
als sei die Volkswirtschaft nicht fähig gewesen, unseren Wohlstand zu er-
zeugen, und so als ginge es heute darum, die alten Strümpfe noch einmal
zu stopfen und das klapprige Auto noch ein Jahr zu fahren, um ja der
Volkswirtschaft keine weitere Nachfrage zuzumuten.
 

In Wahrheit freilich ist unsere Wirtschaft durchaus nicht zu arm und lei-
stungsunfähig. Leistungsreserven in Höhe von 2,5 Mill. Arbeitslosen warten
auf ihren Einsatz. Wenn es aber weder an Bedarf fehlt, noch am Leistungs-
angebot, woran dann?
 

Es fehlt offenbar an dem bißchen volkswirtschaftlichen Ordnungs- und Or-
ganisationstalent, das erforderlich ist, um das Leistungsangebot und den
Leistungsbedarf miteinander buchstäblich "ins Geschäft" zu bringen: Wie
kann man den privaten und öffentlichen Bedarf, der nach Befriedigung
durch Leistung schmachtet, mit dem Leistungsangebot zusammenbringen,
das sich danach sehnt, den Durst nach Leistung zu stillen?
 

Die Wirtschaft stagniert, weil der Bedarf nicht zum Angebot und weil das
Angebot nicht zum Bedarf kommt. Der Austausch stockt. Hier stoppt der
Strom der volkswirtschaftlichen Zirkulation. Aber durchaus nicht bei allen
volkswirtschaftlichen Strömungsgrößen ist der Pegelstand in den vergange-
nen Jahren zurückgeblieben oder gesunken. Wir haben zwar nicht realiter
über unsere Verhältnisse gelebt, aber es gibt durchaus eine Größe, die über
die Verhältnisse stark gestiegen ist: Es gibt Geldflüsse, die schneller gestie-
gen sind als die Löhne, schneller als die Preise und schneller als die Arbeits-
losenzahlen: So, als hätte man es geradezu mit einem langfristigen Vorrei-
ter oder Schrittmacher für das langfristige Ansteigen der Arbeitslosgkeit zu
tun. Doch das führt zum nächsten Symptom.
 
 
 

Anschwellende Zinsströme

Symptom Nummer 3 der kranken Wirtschaft ist, daß die Zinsströme inner-
halb der Volkswirtschaft in den vergangenen Jahren im langfristigen Mittel
beharrlich und überproportional gestiegen sind (1). Dabei sind wirklich die
Zinsströme gemeint, nicht etwa die Zinssätze, die steigen und fallen. Diese
Zinsströme signalisieren, daß durchaus Gelder in der Volkswirtschaft unter-
wegs sind! Während der "reale Bereich" und der "Beschäftigungsbereich"
eher stagnieren, tut sich etwas im "monetären Bereich": nämlich dort, wo
Zinsen gezahlt werden. Das Jahr der Krise und der Konkurse war zugleich
das Jahr der Banken und der Geldkapitalerträge. Wo Zinsen fließen, dort
ist monetäre Liquidität von irgendwelchen Verleihern zu irgendwelchen
Entleihern hin verschoben worden, und die Zinsen sind die Kosten dieser
monetären Transaktionen auf Zeit. Diese Kosten hat der jeweilige Entlei-
her aufzubringen und an den Verleiher abzuführen. Wo viele Zinsen gezahlt
werden, dort wird also viel Geld ausgeliehen. Wo viel Geld ausgeliehen wird,
dort ist viel Geld in Kassen von solchen Wirtschafssubjekten, die zwar Geld
haben, aber offensichtlich keinen Bedarf. Dieser Befund paßt recht gut zu
Symptom Nr. 2. Dort hatte sich gezeigt: In unserer Wirtschaft gibt es Be-
darf, dem das Geld fehlt, ohne das er nicht zur Nachfrage werden kann.
Hier, bei Symptom Nr. 3, zeigt sich, daß es Geld gibt, dem der Bedarf fehlt,
ohne den es ebenfalls nicht zur Nachfrage werden kann. Steigen in einer
Volkswirtschaft die Zinsströme relativ stark, so signalisiert das, daß sich
mehr und mehr Gelder dort angesammelt haben, wo weder ein eigener Be-
darf an Verbrauchs-, noch ein eigener Bedarf an Investitionsgütern besteht.
Genau das ist offenbar bei uns der Fall.
 
 
 

Wachsende Schulden

Wie sehr in den vergangenen Jahren die Schulden der öffentlichen Hand in
Bund, Ländern und Gemeinden gestiegen sind, dazu braucht kein weiteres
Wort mehr verloren zu werden. Wenn es heißt, wir hätten über unsere Ver-
hältnisse gelebt, so denkt man ja vor allem an diese Staatsverschuldung.
Auch im Hinblick auf die Ausgaben des Staates gilt freilich: Die Volkswirt-
schaft konnte es sich durchaus leisten, die Leistungen zu erbringen, die der
Staat mit Krediten bezahlt hat; denn die Leistungen sind erbracht worden.
Was wir uns "nicht leisten" können, ist die Tatsache, daß allein die Zins-
belastung der öffentlichen Haushalte den politischen Handlungsspielraum
von der finanziellen Seite her drastisch einschränkt. Ein immer größerer
Anteil der Steuern, die wir an Bund, Länder und Gemeinden zahlen, stellt
bei der öffentlichen Hand nur einen durchlaufenden Posten dar und fließt
dann direkt in die Kassen der Kreditgeber von Bund, Ländern und Gemein-
den. Dabei mag der Staat ebenso wie der eine oder andere Private durchaus
politisch fragwürdige Ausgaben getätigt haben. Reines Vergüngen an der
Verschuldung war es jedenfalls nicht, wenn die öffentliche Hand sich im-
mer höher verschuldet hat.
 

Auch bei den Unternehmern beruht es nicht auf dem Vergnügen an der
Verschuldung, wenn ihre Eigenkapitalquote in den letzten Jahren bestän-
dig gesunken ist (2).
 

Gestiegen ist in den vergangenen Jahren vor allem aber auch die Verschul-
dung der Entwicklungsländer und von Ländern des Ostblocks. Die Schul-
den und die Zinsverpflichtungen haben ein Ausmaß angenommen, das ge-
radezu furchterregend ist.
 

Wenn man noch weiter nachforschte, welche Schulden den jeweils in letz-
ten Jahren gestiegenden Zinszahlungen zugrundeliegen, so könnte die Liste,
auf der hier nur die Schulden der öffentlichen Hand, die sinkende Eigen-
kapitalquote der Unternehmen und die Verschuldung der Entwicklungs-
länder steht, sicher noch verlängert werden. Hinter einem solchen Befund
stecken nicht nur subjektive Motive und Entscheidungsgründe, steckt nicht
nur der Spaß daran, Schulden zu machen, sondern liegen strukturelle Ur-
sachen. Ihnen muß die Diagnose gelten.
 
 
 
 

In der Wachstumsfalle

Wir befinden uns offenbar in einer volkswirtschaftlichen Wachstumsfalle,
die nicht nur unsere Wirtschaft, sondern unsere Umwelt überhaupt be-
droht. Aber nicht etwa, weil unsere Bedürfnisse schon explodierten, "muß"
unsere Wirtschaft auf Teufel komm heraus wachsen, sondern weil wir an-
ders keine Möglichkeit für Vollbeschäftigung zu sehen vermögen und weil
das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht nur auf diesem Wege erreichbar
erscheint.
 

Wir brauchen auf unabsehbare Zeit (exponentielles) Wachstum um des
Gleichgewichtes unserer Wirtschaft willen: Das ist nach allen Erkenntnis-
sen der Biologie und der Systemtheorie, der Ökologie und des gesunden
Menschenverstandes ein blanker Widerspruch in sich (siehe Helmut Creutz,
S. 7; d. Hg.), aber die ökonomischen Theoretiker und Praktiker der Wachs-
tumslehren sind offenbar unfähig oder unwillig, ihre Vorstellungen einmal
zeitlich zu extrapolieren und hochzurechnen: eine Art selbstverschuldeter
Kurzsichtigkeit. Wir, die anderen Menschen, sehen uns mehr und mehr in
der Wachstumsfalle der theoretischen und praktischen Ökonomen gefan-
gen, die offenbar nicht darauf ausgehen, die Wirtschaft nach den Bedürfnis-
sen, sondern darauf, die Bedürfnisse nach den Zwängen des Wachstums
auszurichten.
 
 
 

II. Diagnose

Die Symptome sind Zeichen an der Wand. Sie zu deuten, fällt nicht schwer.
Ein Teil der Deutung nämlich steckt schon in der Art und Weise, in der die
Symptome beschrieben wurden. Doch diese Art und Weise der Beschrei-
bung war auch polemisch, und diese Polemik muß jetzt einer möglichst un-
terkühlten Analyse und Diagnose weichen. Betrachten wir also die Sympto-
me wie durch eine Glaswand als eine Art Puzzle, das nicht mehr unser Ge-
fühl in Wallung bringt, sondern nur noch unseren Intellekt dazu heraus-
fordert, die Zusammenhänge zu klären.
 
 

Bedarf ohne Geld

Symptom Nr. 1, die Massenarbeitslosigkeit, und Symptom Nr. 2, der mas-
senhaft unbefriedigte Bedarf, stehen in einem eigenartigen Zusammenhang
der Verhinderung: Offenbar verhindert eine mehr oder weniger unsichtba-
re Macht oder Struktur der Wirtschaftsordnung gerade das, was sich auf-
drängt und naheliegt, nämlich daß der massenhafte Bedarf durch die Lei-
stungen der z. Z. massenhaft arbeitslosen Menschen befriedigt wird. Be-
darf und Leistungsangebot kommen nicht zusammen: So, als hätten, sie,
die sich so gut miteinander vertragen haben, sich im Laufe der Zeit aus-
einandergelebt und könnten jetzt, trotz besten Wollens, aus irgendwelchen
unerklärbaren Gründen nicht wieder zusammenfinden, - oder auch so, als
kämen zwei, die den Bund fürs Leben schließen könnten, nicht zueinander,
weil es an Verkehrsverbindungen über den eigenartigen Abgrund fehlt, der
sie trennt.
 

Um eine Ehe freilich handelt es sich im vorliegenden Fall nicht, sondern
um den volkswirtschaftlichen Organisationszusammenhang, der sicherzu-
stellen hätte, daß Bedarf und Leistung auf eine wirksame und kostengünsti-
ge Weise möglichst marktmäßig zusammenfinden und sich auch nicht wie-
der auseinanderleben.
 

In der Marktwirtschaft wird der Austausch, der die Leistung zum Bedarf
bringt und der den Bedarf mit der Leistung versorgt, durch das Geld ver-
mittelt: Geld ist das allgemeine Tausch- und Zirkulationsmittel, mit dessen
Hilfe jedem kraft des Marktes und entsprechend seinen eigenen Beitrages
eine Anwartschaft auf Beiträge anderer zugeteilt werden kann und zugeteilt
wird. Durch das Geld haben sie dann wechselseitig an ihren Leistungen teil.
Zur Zeit jedoch fehlt dem Bedarf das Geld: Bedarf ohne Geld!
 

Mit Hilfe von Geld kann der Zugriff auf die Leistungen organisiert werden.
Gibt einer dem anderen ein Darlehen, so wird der Zugriff auf volkswirt-
schaftliche Leistung vorübergehend von dem einen auf den anderen ver-
schoben. Allem Anschein nach jedoch versagen die monetären Austausch-
und Transfermechanismen bei dem Problem, das sich aus Symptom Nr. 1
und Symptom Nr. 2 und der Tatsache ergibt, daß der Leistungwille daran
gehindert wird, in Leistung zu münden, die den Leistungsbedarf befriedigt.
 

Den Arbeitslosen fehlt es an Geld, um ihren unbefriedigten Bedarf zu stil-
len. Dem Staat fehlt es an Geld, mit dem er anstehende Aufgaben in Angriff
nehmen könnte. Den Unternehmen fehlt es an Geld, um ihr Eigenkapital
aufzustocken und Dank größerer Krisenfestigkeit eher Investitionen zu wa-
gen. Kurz: Allenthalben fehlt dem Bedarf das Geld, ohne das er nicht zur
wirksamen Nachfrage nach volkswirtschaftlicher Leistung werden kann.
Der Bedarf kommt an dieses Geld nur heran, wenn er es sich dort besorgt,
wo es ist. Das Ge1d ist dort, wo es hingeflossen ist. Das Geld fließt dorthin,
wo es gemäß den Spielregeln der Wirtschaftsordnung hinfließt, und es ist in
den vergangenen Jahren offenbar zunehmend nicht dorthin geflossen, wo
Bedarf besteht. Das führt zum Geld ohne Bedarf.
 
 

Geld ohne Bedarf

Das Geld, ohne das der Bedarf nicht zur Nachfrage werden kann, ist auch
nicht etwa aus der Wirtschaft verschwunden. Es ist nicht in Sparbüchsen
und Kassetten untergetaucht. Auch die Bundesbank hat es nicht eingezo-
gen. Sie hat vielmehr die Geldmenge in vergangenen Jahren durchaus ver-
größert. Es fehlt also nicht an Geld. Aber es fließt zuviel des vorhandenen
Geldes durch Kassen, wo ihm zur Nachfrage der Bedarf fehlt: Geld ohne
Bedarf! Das Geld in diesen Kassen führt nicht zur Nachfrage nach Waren,
Diensten oder Investitionsgütern, sondern nur zur Nachfrage nach Zinsen
und Renditen: Das Geld ohne Bedarf verhilft also nur dem Begehren nach
noch mehr Geld, also dem Verlangen nach dem Mehrwert, zur Nachfrage.
Man findet also auf der einen Seite "Bedarf ohne Geld" auf der anderen
Seite "Geld ohne Bedarf". Das "Geld ohne Bedarf" hat sich in den vergan-
genen Jahren offenbar vermehrt. Denn nur wer Geld hat, aber z. Zt. keinen
Bedarf, verleiht sein Geld, und nur wenn Geld verliehen wird, entstehen
Schulden, und nur wenn die Schulden zunehmen, schwellen die Zinsströ-
me an. Die Zinsströme sind angeschwollen; also sind auch die "Gelder
ohne Bedarf" in den Kassen gestiegen.
 
 

Kostspielige Umwege

Befinden sich Gelder nicht in den Kassen der Letztverbraucher, die Ver-
brauchsgüter kaufen wollen, und auch nicht in den Kassen der Unterneh-
mer, die investieren wollen, sondern in den Kassen von Vermögensbesit-
zern, die weder konsumieren noch investieren wollen, befinden sie sich al-
so in "Kassen ohne Bedarf", dann müssen diese Gelder die Kassen wech-
seln, bevor sie wieder einem Bedarf zur Nachfrage verhelfen können. Sie
müssen aus den "vollen Kassen ohne Bedarf" in die "leeren Kassen mit Be-
darf" transferiert werden. Erst dann können sie wieder als monetäres Ver-
kehrsmittel dem Austausch von realen Leistungen dienen: kostspielige
Umwege!
 

Der unvermeidliche Transfer der Gelder aus den Kassen ohne (gegenwärti-
gen) Bedarf in die Kassen mit (gegenwärtigem) Bedarf kann marktmäßig
oder nichtmarktmäßig geschehen. Marktmäßig vollzieht er sich durch Kre-
dit. Kredit kostet Zinsen. Die Zinsen belasten die Letztverbraucher und die
Unternehmer, die sich zu ihrem Konsum- oder Investitionsbedarf das Geld
hinzuborgen. Die Zinsen entziehen also den Letztverbrauchern und Unter-
nehmern wiederum Geld, obgleich bei ihnen schon ohnehin zu wenig war,
und sie fließen hin zu dem Anleger, bei dem ohnehin schon so viel Geld
war, daß sich ein Überschuß seiner Gelder über seinen Bedarf ergeben hat-
te. Zwar lenkt der Anleger seine überschüssige Liquidität dorthin, wo sie -
aus seiner Sicht - ihm den größten Ertrag bringt (portfolio-theoretische
Verfeinerungen können hier außer Betracht bleiben). Aber aus der Sicht
der Volkswirtschaft fließen die Zinsen, die für ihn optimale Erträge dar-
stellen, zu jemandem hin, bei dem sie automatisch zu einem volkswirtschaft-
lichen Problemstoff werden. Sind die Zinsen gar von solcher Art, daß sie
der Letztverbraucher oder der Unternehmer nicht mehr aufbringen kann:
sei es, daß der Zinssatz zu hoch ist, sei es, daß die Betroffenen mehr und
mehr "auf Pump" leben müssen, - dann wird der Kredit gar nicht erst
mehr genommen und der betreffende Bedarf bleibt endgültig unbefriedigt.
Er wird wegen Mangels an monetärer Unterfütterung nicht mehr zur Nach-
frage. Der wirtschaftliche Verkehr kommt ins Stocken.
 

Offenbar ist unsere Marktwirtschaft im monetären Bereich so strukturiert,
daß erhebliche, und zwar anschwellende, Geldströme in falsche Kassen flie-
ßen. Die Ökonomen nennen das "Fehlallokation" von monetären Kaufan-
wartschaften. Bevor diese fehlgeleiteten Gelder irgendeinem wirklichen Be-
darf zur Nachfrage verhelfen können, müssen sie weitergereicht werden.
 

Anschwellende Geldströme in unserer Marktwirtschaft fließen also auf
Umwegen. Umwege sind nicht nur zeitraubend, sondern auch kostspielig.
Die Umwege des Geldes, mit denen wir es hier zu tun haben, sind beson-
ders kostspielig; denn es fallen nicht nur Transportkosten an, sondern auch
so etwas wie private Benutzungsgebühren für das monetäre Verkehrsmittel
der Wirtschaft in Form von Zinsen. Diese Zinsen wiederum fließen absur-
derweise ausgerechnet in diejenigen Kassen, in denen typischerweise schon
so viel Geld ist, daß es erst wieder kostenbringend entliehen werden muß,
bevor es wirksame Nachfrage erzeugen kann.
 

Unsere Marktwirtschaft ist nach allem so strukturiert, daß aus dem Wirt-
schaftsprozeß automatisch Gelder abgezogen und in Kassen abgezweigt
werden, wo sie nicht auf Bedarf treffen. Also entsteht ein volkswirtschaft-
liches Recycling-Problem, nämlich das Problem, die Gelder, die dem realen
Wirtschaftsprozeß, in dem Angebot und Bedarf aufeinandertreffen, ent-
zogen und in den monetären Bereich abgezweigt werden, anschließend
dem Bedarf wieder zuzuführen. Die Kosten dieses monetären Recycling
sind beträchtlich. Sie fallen in Form von Zinsen an und vergrößern das Pro-
blem, bei dessen Lösung sie entstehen, weil sie die Kontenbestände vergrö-
ßern, bei denen der Bedarf fehlt, und die Kassen belasten, die ohnehin zu
wenig Geld enthalten. Werden sie nicht mit Hilfe von marktgerechten Kre-
diten zurücktransferiert in die Kassen mit Konsum- oder Investititonsbe-
darf, so muß es mit Zwang geschehen: Daraus ergeben sich dann bald Ex-
zesse des Steuerstaates, des Subventionsstaates und des Wohlfahrtsstaates.
Die "Zwangsanleihe" ist insofern ein kleines aber aufschlußreiches Symp-
tom: Transfer auf Zeit ohne die sonst üblichen Kreditkosten.
 
 
 

Einkommen ohne Leistung

Die Zinsen sind wiederum ein monetäres Phänomen, zu dem sich einige
sehr einfache und sehr aufschlußreiche Feststellungen treffen lassen: Es ist
das verliehene Geld, das Zinsen bringt. Dieses verliehene Geld ist nach Ab-
lauf der Darlehenszeit mehr wert als das ausgegebene Geld. Denn das
Geld, das ich heute ausgebe, hat für mich nur den Kaufkraftnennwert, der
ihm aufgedruckt ist: 1000 DM sind 1000 DM. Muß ich aber mein Geld
nicht für Milch, Brot und Wohnung ausgeben, habe ich vielmehr Geld üb-
rig, dann kann ich es verleihen und habe am Ende meine 1000 DM plus
Zinsen und womöglich plus Zinseszinsen. Mark ist nicht gleich Mark. Geld
ist nicht gleich Geld. Die verliehene Mark ist mehr wert als die ausgegebene.
Verliehenes Geld weist gegenüber dem ausgegebenen Geld einen Mehrwert
auf.
 

Geld hat einen unterschiedlichen, gespaltenen Wert: Für den, der es zum
Leben braucht ist es weniger wert als für den, der es übrig hat. Anders ge-
wendet: Das Geld hat für den, der seinen Bedarf befriedigt, weniger Wert
als für den, der keinen Bedarf hat und sein Geld daher verleiht. Nochmals
anders gewendet: Geld ist für die Reichen, die es anlegen können, mehr
wert als für die Ärmeren, die es ausgeben müssen.
 

Wer Geld besitzt, der hat sowohl den Tauschwert des Geldes als auch den
Liquiditätswert. Für den Tauschwert seines Geldes hat er womöglich hart
gearbeitet und sich so eine monetäre Kaufanwartschaft auf den Teil des
Sozialprodukts verdient, der dem entspricht, was er selbst dazu beigetra-
gen hat. Dafür jedoch, daß Geld einen zusätzlichen Liquiditätswert besitzt,
der ihm zugute kommt, kann er nichts. Er ist weder Hersteller des Geldes
noch Urheber der monetären Liquidität. Sie ist nicht sein Verdienst, son-
dern eine Eigenschaft des Geldes selbst. Der Liquiditätsvorteil fällt dem je-
weiligen Geldbesitzer ohne Gegenleistung in den Schoß. Ist er wohlhabend
genug, sein Geld nicht ausgeben zu müssen, sondern es anlegen zu können,
dann kann er den Liquiditätsvorteil, der ihm in den Schoß fällt, wiederum
liquidieren. So wenig er Produzent der Liquidität von Geld ist, so wenig
verdient er die Vorteile, die daraus herrühren, und ebenso wenig ist es ge-
rechtfertigt, daß die Geldordnung es ihm ermöglicht, private Nutzen in
Form von Zinsen daraus zu ziehen. Der Zins ist in diesem genauen Sinne
unverdientes Einkommen: Einkommen ohne Leistung. (Dieser Befund
wird nur dadurch verdeckt, daß der Verleiher dem Entleiher tatsächlich
eine Leistung erbringt: Er stellt ihm Liquidität zur Verfügung. Insofern ist
der Zins also durchaus eine "Gegenleistung" für die Überlassung der Vor-
teile aus Liquidität. Aber diese Vorteile als solche sind nicht durch Lei-
stung erworben, sondern sind eine unverdiente Zugabe beim Geld. Deshalb
ist auch der Zins unverdientes Einkommen. Aber die Täuschung, die durch
den Schein einer eigenen Leistung entsteht, ist so perfekt, daß es schwer ist,
die Einsicht in die richtigen Zusammenhänge zu vermitteln.)
 

Damit rundet sich das Bild: Wo Geld ohne Bedarf ist, dort stellt sich auch
Einkommen ohne Leistung ein, und das wiederum bewirkt, daß noch mehr
Geld ohne Beaarf und noch mehr Einkommen ohne Leistung entstehen.
Dieser "Einkommensfähigkeit ohne eigene Leistung" steht die Arbeitslosig-
keit als "eigene Leistungsfähigkeit ohne Einkommen" gegenüber: Geld, das
als Einkommen ohne Leistung gezahlt wird, fehlt dann zur Bezahlung von
Einkommen aus Leistung.
 

So sorgt die Geldordnung dafür, daß typischerweise diejenigen, die weder
Bedarf haben, noch eine eigene Leistung in die Volkswirtschaft einbringen,
den Mehrwert des Geldes erhalten. Das sind dann Gelder, die andernorts
fehlen und als Nachfrage so lange ausfallen, bis sie wieder zinspflichtig den-
jenigen zurücktransferiert werden, die Bedarf haben. Aufbringen müssen
diese Zinsen entweder diejenigen, die als Letztverbraucher oder Unterneh-
mer Kredite in Anspruch nehmen, oder diejenigen, welche die mit Zins-
kosten belasteten Waren und Dienste kaufen: eine ständige Subventionie-
rung der Kapitalrentner durch die Produzenten und Letztverbraucher. Die-
se in die Geldordnung einprogrammierte Subventionierung der Wohlhaben-
den durch die Schaffenden übertrifft zwar noch nicht hinsichtlich ihres
Volumens, wohl aber hinsichtlich ihrer dysfunktionalen Auswirkungen die
meisten wohlfahrtsstaatlichen Transfers bei weitem.
 

Eine solche ständige Subventionierung der Vermögenden durch die Produ-
zenten und Verbraucher ist ungerecht. Ungerechtigkeiten jedoch pflegen
die Ökonomen nicht aus der Ruhe zu bringen. Mit so etwas finden sie sich
ab, wenn das, worum es geht, wirtschaftlich funktionstauglich ist. Aber die
Subventionierung derer, bei denen der Bedarf fehlt, durch die anderen, die
Bedarf haben, ist nicht nur ungerecht, sondern sie ist erst recht volkswirt-
schaftlich unsinnig.
 

Es mag sein, daß der Zwangssparprozeß, dem die Produzenten und Konsu-
menten durch den beschriebenen, geldordnungsbedingten Subventionie-
rungsmechanismus zu Gunsten der "Anleger" unterworfen werden, wenig-
stens funktionstauglich war während einer Aufbruchs- und Aufbauphase,
wenn man davon ausgeht, daß in einer solchen Phase die Sparquote auf
Biegen oder Brechen hochgehalten werden muß. Bei einer Volkswirtschaft
jedoch, die in den Wohlstand kommt, wird diese Subventionierung der Be-
darfslosen durch die Bedürftigen absurd und grotesk. Und sie wird auf lan-
ge Sicht tödlich für die Wirtschaft.
 
 

Pathologisches Wachstum

Wer sein Einkommen durch Arbeit und Leistung "im Schweiße seines An-
gesichts" verdient, der weiß jede zusätzliche DM zu schätzen, und er über-
legt sich, ob es sich noch lohnt, für die Vorteile, die sie ihm einbringt,
mehr zu arbeiten. So wird er sich in der Regel hüten, weit über seinen ge-
gewärtigen und zukünftigen Bedarf hinaus zu schuften. Bei ihm ist eine
Bremse eingebaut, die dem entgegenwirkt, daß durch seine Kasse zu viel
Geld ohne Bedarf fließt: nämlich der sinkende Grenznutzen, den ein wei-
terer Einkommenszuwachs im Verhältnis zu dem Aufwand hat, der dafür
erforderlich ist. An eben einer solchen Bremse fehlt es bei dem Einkom-
men ohne Leistung, das aus dem Geld ohne Bedarf gezogen werden kann:
Dieses Einkommen hat die Tendenz zur pathologischen Selbstvermehrung
wie bei Krebszellen, die das gesunde Gewebe durch ihr unkontrolliertes
Wachstum schädigen und am Ende zerstören. Denn es kostet keinen Trop-
fen Schweiß, dieses leistungslose Einkommen zu erzielen. Also reizt auch
ein noch so geringer Grenznutzen jeder zusätzlichen DM zur Motivierung.
Der Traum vom großen Vermögen und der dadurch vermittelten Macht
genügt alleweil.
 

Die Kassen mit hohem Gelddurchfluß, aber ohne Bedarf, sind Liquiditäts-
strudel, die Liquidität in sich hinein- und durch sich hindurchsaugen. Sie
wirken auf Liquidität ähnlich wie die Schwarzen Löcher im All auf Materie
und ziehen davon um so mehr an, je mehr schon darin verschwunden ist.
Anders als die Schwarzen Löcher die angezogene Materie behalten die Kas-
sen ohne Bedarf die aufgesogene Liquidität nicht in sich, sondern sie geben
sie wieder frei, und zwar gegen Zins. Dieser Zins freilich muß irgendwo
außerhalb des monetären Bereichs erwirtschaftet und abgezweigt werden.
Wird er bei Letztverbrauchern abgezweigt anläßlich von Konsumentenkre-
diten, so ist der Tag absehbar, an dem die Letztverbraucher kein Geld
mehr für die Nachfrage haben, weil sie alles für Zinsen ausgeben müssen.
Dem Absaugen von Zinsen beim Konsum sind also schnell prohibitive Gren-
zen gesetzt. Verbleibt nur der Bereich von Leistung und Produktion. In
diesem Bereich jedoch können die anschwellenden Zinsströme nur abge-
zweigt werden, wenn sein Wachstum mit dem Anschwellen der Zinsströme
Schritt hält. Also muß die Volkswirtschaft insgesamt pathologisch wachsen,
weil eine ihrer Stromgrößen pathologisch wächst.
 

Nicht weil die Bedürfnisse der Menschen ins Kraut schießen, ist die Wirt-
schaft zum Wachsen verurteilt, sondern - im Gegenteil! --- weil immer
mehr Gelder durch Kassen fließen, wo sie auf keinen Bedarf mehr stoßen.
Die Wirtschaft "muß" wachsen, weil die Leute, die volle Kassen, aber kei-
nen realen Bedarf mehr haben, den abstrakten Bedarf nach Mehrwert ent-
wickeln und Gelegenheit erhalten, diesen ihren abstrakten Bedarf durchzu-
setzen.
 

Was dem "realen Bereich" und dem "Beschäftigungsbereich" in Form von
Einkommen ohne Leistung entzogen und im "monetären Bereich" durch
die Kassen ohne Bedarf geleitet wird, bevor es in die reale Wirtschaft zu-
rückfließen darf, das fehlt dort in der wirklichen Wirtschaft mehr und
mehr als Lohn, der für wirkliche Leistung gezahlt werden könnte, und nur
wenn dieser Ausfall durch Wachstum hinreichend ausgeglichen wird, kann
Vollbeschäftigung angenähert bleiben, wobei die Ökonomen freilich ihre
Rechnung ohne Rücksicht auf Art und Umfang des Bedarfs machen.
 

Die Zunahme der Zinsströme bleibt übrigens weit hinter der Beschleuni-
gung zurück, die nach der Zinseszinsformel abstrakt-theoretisch errechnet
werden könnte: Ein Teil der Zinsen wird weggesteuert; ein anderer Teil
wird nicht wieder angelegt, sondern wird doch zu Nachfrage; Geldforde-
rungen werden bei Konkursen oder anderweit vernichtet ... usw. Diese und
ähnliche Vorgänge sorgen für eine gewisse Verzögerung und Dämpfung.
Das exponentielle Wachstum ist damit aber noch nicht beseitigt. Man könn-
te daran denken, leistungsloses Einkommen wegen seiner verheerenden
Wirkungen wegzusteuern, zumindst, wenn es nicht in reale Nachfrage trans-
formiert wird. Doch das wäre nur ein Kurieren am Symptom. Wir sollten
der Ursache zu Leibe rücken.
 
 
 

Das Mehrwertsyndrom

Die einzelnen Symptome sind nun schon weitgehend gedeutet. Jetzt muß
die zusammenfassende Diagnose folgen. Sie führt von den Symptomen zu
ihrem Zusammenhang untereinander und damit zum Krankheitssyndrom
hin. Sie läuft nach allem auf die Lösung einer Art Rätsel mit vier Unbe-
kannten hinaus: Wir haben

1. Leistungsreserven, die nicht abgerufen werden;
2. Nachfragelücken, verursacht erstens durch
    - Bedarf, dem zur Nachfrage das Geld, und zweitens durch
    - Gelder, denen zur Nachfrage der Bedarf fehlt; sodann
3. Einkommen ohne Leistung aus Liquiditätsvorteilen und schließlich
4. Wachstumszwang durch die Gelder ohne realen Bedarf.

Der gemeinsame Nenner für die Symptome ist zunächst der Zins: Er er-
zeugt das leistungslose Einkommen, das tendenziell einerseits zu Geld ohne
Bedarf und andererseits zu Geldmangel beim Bedarf führt. Zugleich ist der
Zins der entscheidende Kostenfaktor, der das Recycling der Gelder aus den
Kassen ohne Bedarf in die Kassen mit Bedarf erschwert oder verhindert.
Vor allem motiviert der Zins überhaupt erst dazu, daß Zinsen nachgefragt
werden statt wertvoller Güter, die als schatzbildende Anlage geeignet sind
und wertschaffende Arbeit erfordern. Die Recycling-Kosten wiederum be-
stehen so gut wie nur aus den Zinsen. Gäbe es keine Zinsen, die den Be-
fund zum Problem und das Problem zum Krisengenerator machten, dann
fände der Bedarf das Geld, das ihm zur Nachfrage verhelfen und ihn mit
dem Leistungsangebot wieder ins Geschäft bringen würde. Die Zinsen stel-
len die Kostenschranken dar, die zu überwinden die Selbstheilungskräfte
des Marktes auf lange Sicht nicht ausreichen. Die Zinsströme wachsen über-
proportional an: So, als ob bei einem Kind ein Fehler im Blutkreislauf
dazu führte, daß immer mehr des umströmenden Blutes nicht durch die
Lunge, sondern an ihr vorbei flösse: So wenig wie dieses Blut mit Sauerstoff
aufgefrischt würde, so wenig wird das Geld in den Zinsströmen wieder hin-
reichend mit Bedarf aufgeladen. Diesem Geld gesellt sich nur der verhäng-
nisvolle "Bedarf" nach mehr Geld: der "Bedarf" nach dem Mehrwert bei.
 

Die monetäre Absurdität hat ihren Grund im Mehrwert des verliehenen
Geldes. Wer also wieder Sinn in die Geldordnung bringen will, der muß
dem Mehrwert des verliehenen Geldes auf den Grund gehen. Dieser Mehr-
wert ist nach allem der gemeinsame Nenner für die Symptome, die uns in
unserer Wirtschaft heute zu schaffen machen. Wir haben es also mit einem
Mehrwertsyndrom zu tun. Um dem Mehrwert auf die Spur zu kommen,
muß man den Zins analysieren. Um dem Mehrwert beizukommen, muß
man den Zins beeinflussen und senken. Das führt zur Therapie.
 
 
 
 

III. Therapie

Kann man irgendwelche wirtschaftlichen Größen ("Parameter") so beein-
flussen, daß das Mehrwertsyndrom entschärft wird oder gar kuriert werden
kann? Ein plumpes Zinsverbot kommt in einer freiheitlichen Marktwirt-
schaft selbstverständlich nicht in Betracht, sondern nur marktkonforme
Lösungen. Um nun zu erkennen, bei welchen wirtschaftspolitischen ;,Pa-
rametern" die Therapie anzusetzen hat, wenn man dem Mehrwertsyn-
drom bei der Ursache zu Leibe rücken will, muß man wissen, aus welchen
Komponenten sich die Rendite (Eigenverzinsung) eines Wirtschaftsgutes
(wie Hausbesitz oder Geldvermögen) zusammensetzt; denn der Zins stellt
nur den monetären Sonderfall einer solchen Eigenverzinsung eines Wirt-
schaftsgutes dar. Bei dieser Frage nach den Komponenten einer Rendite
handelt es sich um wirtschaftliche Banalitäten, und es braucht wiederum
nicht auf portfolio-theoretische Verfeinerungen eingegangen zu werden,
die bei alledem nur die Stellen hinter dem Komma treffen, nicht die davor.
 
 
 

Die Formel für die Therapie

Wie das mit dem Eigenzins eines Wirtschaftsgutes ist, können wir uns z. B.
von John Maynard Keynes (3) sagen lassen. Er hat dafür folgende Formel
angegeben:
 

Eigenzins =          Erträge
                 minus Durchhaltekosten
                 plus    Liquiditätsvorteil
 

Wer will, mag in diese Gleichung auch noch einen Posten für die Risiken
des Wirtschaftsgutes einfügen; in unserem Zusammenhang kommt es dar-
auf jedoch nicht an.
 

Die Formel für den Eigenzins ist so plausibel wie evident: Der Nutzen eines
Wirtschaftsgutes ergibt sich, wenn man von seinen Erträgen die Kosten ab-
zieht und auch noch den Nutzen veranschlagt, den es hat, daß das betref-
fende Wirtschaftsgut mehr oder weniger liquide ist, sich also leicht oder
weniger leicht versilbern läßt (Liquiditätsvorteil). Keynes hat seine Formel
dann selbst auf das Geld angewendet und festgestellt: Die Erträge beim
Geld belaufen sich auf 0, die Durchhaltekosten auch, der Liquiditätsvorteil
jedoch ist erheblich. Die Rendite einer Geldanlage besteht daher im wesent-
lichen aus dem Preis für den Liquiditätsvorteil: "Liquiditätsprämie" oder,
genauer, "Liquiditätsverzichtsprämie".
 

Die Formel ist für unser Problem nun besonders aufschlußreich. Sie zeigt
nämlich, welche wirtschaftlichen Größen ("Parameter") die Rendite eines
Wirtschaftsgutes, also auch den Zins des Geldes bestimmen: Erträge, Durch-
haltekosten, Liquiditätsvorteil. Bei einem dieser Parameter muß man an-
setzen, wenn man die Höhe des Zinses beeinflussen will:
 

1. Erträge würden den Zins nur erhöhen, sie kommen nicht in Betracht.
 

2. Der Liquiditätsvorteil ist eine Folge der Eigenschaften von Geld; er lie-
ße sich nur mit der Beseitigung des Geldes selbst beseitigen.
 

3. Verbleiben nur die Durchhaltekosten:
Um den Zins zu senken und damit den Mehrwert verschwinden zu lassen,
müßte man dem Geld Durchhaltekosten anheften. Genau das hat Keynes
erwogen, um den langfristig verhängnisvollen Auswirkungen entgegenzu-
wirken, die der Zins auf die "wirksame Nachfrage" hat. Keynes schreibt:
"Jene Reformer, die in der Erzeugung künstlicher Durchhaltekosten des
Geldes ein Heilmittel gesucht haben, z. B. durch das Erfordernis periodi-
scher Abstempelung der gesetzlichen Zahlungmittel zu vorgeschriebenen
Gebühren, sind somit auf der richtigen Spur gewesen; und der praktische
Wert ihrer Vorschläge verdient diskutiert zu werden." "Worauf es an-
kommt, ist die Differenz zwischen Liquiditätsprämie und Durchhalteko-
sten." (4)
 

Eigenartigerweise hat Keynes diesen seinen eigenen Gedanken nicht wei-
terverfolgt, sondern eine Richtung eingeschlagen, die später unter dem Na-
men "Keynesianismus" Schule machen sollte und, wie wir heute wissen,
langfristig in eine Sackgasse mündet. Er hielt seinerzeit die Einführung von
Durchhaltekosten für Liquidität in der damals vorgeschlagenen Form eines
Stempelgeldes für "nicht durchführbar". Darauf wird zurückzukommen
sein.
 
 

Abschöpfung des Mehrwertes

Worum geht es bei den Durchhaltekosten auf Liquidität der Sache nach?
Die Zinsformel von Keynes macht es augenfällig: Die Durchhaltekosten
zehren den Liquiditätsvorteil des Geldes mehr oder weniger auf. Sie bewir-
ken, daß beim Geldverleih (Verkauf von Liquidität) nicht mehr wie ohne
Durchhaltekosten eine Vermögensbestandsvermehrung herausgewirtschaf-
tet werden kann: Also wird mit den Durchhaltekosten auch der Mehrwert
des verliehenen Geldes je nach Höhe der Durchhaltekosten mehr oder we-
niger abgeschöpft.
 

Über die Höhe der Durchhaltekosten lassen sich mancherlei Überlegungen
anstellen. Insbesondere bei ihrer ersten Einführung muß man wohl Vor-
sicht walten lassen und vielerlei Auswirkungen bedenken. Auch die rechts-
technische Frage, wie dem Geld Durchhaltekosten angeheftet werden kön-
nen, soll hier noch offen bleiben. Für die folgenden, insofern abstrakten
und eher idealtypischen Überlegungen soll jedoch davon ausgegangen wer-
den, daß die durchschnittlichen Durchhaltekosten so dosiert werden, daß
sie den Liquiditätsvorteil etwa aufzehren: nach der Formel, wonach der
Zins gleich ist den Liquiditätsvorteilen minus die Durchhaltekosten. Dann
bleibt ein Geld übrig, das beim langfristigen Verleihen keinen wesentlich
anderen Wert hat als beim Bezahlen eines Kaufpreises: Geld ohne gespalte-
nen Wert, Geld ohne Mehrwert. Wer solches Geld verleiht, der tauscht es
wie bisher um in einen Rückzahlungsanspruch aus dem Darlehensvertrag,
in eine Obligation. Damit entgeht er den Durchhaltekosten; denn nicht die
Obligation, sondern nur das Geld in der Kasse verursacht Durchhaltekosten.
Und nach Ablauf der Darlehenszeitspanne erhält er wie bisher seine Valuta
zurück, und zwar ohne Verlust, aber auch ohne Zinsen.
 

Die künstlichen Durchhaltekosten zehren einen Teil der in der Kasse bereit-
gehaltenen monetären Kaufkraft auf. Insoweit kann das "Geld mit Durch-
haltekosten", das Keynes ins Auge gefaßt hat, mit inflationiertem Geld,
wie wir es heute haben, verglichen werden. Auch bei der Inflation entwer-
tet sich das bereitgehaltene Geld in der Kasse. Es verursacht Durchhalte-
kosten, und man weiß, daß gerade dieser Effekt der Inflation einen kurz-
fristig nützlichen, langfristig jedoch schädlichen Effekt für die Konjunktur
hat; denn unsere heutige Inflation ergreift nicht nur das Geld in der Kasse,
sondern auch die Währung als solche, insbesondere die Währungseinheit als
den Maßstab für Kaufkraftschulden: Nicht nur die "DM" in der Kasse, son-
dern auch die "DM" an sich verliert an Kaufkraft. Und in diesem Punkt
unterscheiden sich die von Keynes erwogenen Durchhaltekosten grundle-
gend von der landläufigen Inflation: Die Keynesschen Durchhaltekosten
belasten nur das Geld in der Kasse, lassen jedoch gerade die Währung als
solche von dem Schwund unberührt, der das Geld in der Kasse ergreift. Die
Inflation jedoch erfaßt beides, weil das Geld in der Kasse sich absolut ent-
wertet und nicht nur durch den Kostenfaktor "Durchhaltekosten" relativ
zur Währungseinheit. Wegen dieses grundlegenden Unterschiedes bleiben
die langfristig nachteiligen Folgen der kurzfristig nützlichen Inflation beim
"Geld mit Durchhaltekosten" gerade aus. Beim "Geld mit Durchhalteko-
sten" lassen sich also die segensreichen Wirkungen der Inflation mit denen
einer stabilen Währung verbinden: 5 % wohldosierte Inflation des Zahlungs-
mittels mit 0 % Inflation bei der Währungseinheit: eine keynesianische Al-
ternative zum Keynesianismus!
 

Schulde ich jemandem 1000 DM und habe ich 1000 DM in der Kasse, dann
zehren die Durchhaltekosten zwar an meinem Kassenbestand, nicht aber
an meiner Schuld und ebensowenig an der Forderung meines Gläubigers.
Die Durchhaltekosten zehren an meinem Kassenbestand aber nur genau so
sehr, wie ein Kassenbestand durchschnittlich wirtschaftliche Vorteile mit
sich bringt. Für den also, der nicht aus wirtschaftlichen Gründen Kasse hal-
ten muß, bringt es nach wie vor einen Vorteil, sein Geld nicht in der Kasse
zu lassen, sondern zu verleihen und die Liquiditäts(verzichts)prämie zu
kassieren.
 

So bleibt auch bei Durchhaltekosten auf Liquidität der Geld- und Kredit-
markt in Funktion. Man bekommt vom Markt eine Prämie dafür, wenn
man auf seine Liquidität verzichtet. Die Durchhaltekosten, in Maßen ange-
wendet, sind vollkommen marktkonform. Sie beseitigen nicht die Liquidi-
tätsprämie, sondern stellen nur einen Kostenfaktor dar, der die Rendite
von Geldanlagen so weit schmälert, daß per Saldo bei einer entsprechenden
Höhe der Durchhaltekosten eine Bestandsvermehrung nicht mehr herausge-
wirtschaftet werden kann.
 

Die Einführung von Durchhaltekosten auf Liquidität würde auch nicht et-
wa das Ende von haftendem Risikokapital bedeuten. Im Gegenteil: Soweit
die Entlastung von Zinsen zur Folge hätte, daß sich bei den Unternehmern
schneller höhere Gewinne einstellen, würde die Bildung von Risikokapital
in der wirtschaftspolitisch idealen Form von Eigenkapital gefördert. So-
weit sonst in "Kassen ohne Bedarf" entbehrliche Gelder herumliegen, sind
sie mehr denn je dazu prädestiniert, wegen ihres "marginalen" Charakters
als Risiko-Puffer zu fungieren, und die Aussicht, ein Einkommen aus Kapi-
tal nur dadurch erwerben zu können, daß man etwas riskiert, würde die
Neigung zur Risiko-Anlage sicherlich eher fördern als hemmen. Und wer
dann mit solchem Kapital Gewinne einstreicht, der hat sie auch verdient
und zugleich bewiesen, daß er ein guter Risiko-Spieler ist, den man mit sol-
chen Risikoprämien dazu befähigen soll, weiterzuspielen.
 
 

Der Trick mit dem Greshamschen Gesetz

Keynes hielt die Idee, die Geldscheine periodisch abstempeln zu lassen, für
undurchführbar. Ob man die technischen Schwierigkeiten wirklich so hoch
einschätzen soll, ist zweifelhaft, vor allem, wenn man sieht, wie heute jedes
Kind in öffentlichen Verkehrsmitteln seine Fahrscheine am Automaten ab-
stempelt. Und ob geldtechnische Schwierigkeiten solcher Art nicht viel-
mehr vernachlässigt werden können, wenn es sich um 2,5 Millionen Arbeits-
lose handelt, ist einer Erörterung wert. Doch brauchen wir uns darüber
nicht den Kopf zu zerbrechen; denn es gibt durchaus wenigstens eine sehr
elegante, bequeme und unaufwendige monetäre Technik zur Einführung
von Durchhaltekosten auf Liquidität.
 

Nach dem Greshamschen Gesetz verdrängt das schlechte Geld das bessere
aus dem Verkehrt: Was heißt da? In Zeiten, zu denen verschiedene Münzen
im Umlauf waren, konnte man beobachten, daß die Teilnehmer am Wirt-
schaftsverkehr die besseren Münzen behielten und die schlechteren weiter-
gaben: Die nach Gewicht und Feingehalt wertvolleren Münzen behielt man
im Beutel oder in der Kassette, während man die nach Gewicht und Fein-
gehalt weniger wertvollen Münzen als Zahlungsmittel benutzte. Es ist also
möglich, in einem Währungsgebiet mit verschiedenen Zahlungsmitteln der-
art zu arbeiten, daß sich das schlechtere auf dem Markt durchsetzt und den
Ton angibt. Das führt zu folgenden Überlegungen:
 

Angenommen, das Währungsgesetz wird derart geändert, daß auch Überwei-
sungen vom Konto aufs Konto (Giralgeld) als gesetzliches Zahlungsmittel
anerkannt werden. Dann könnte die Bundesbank einen Teil des umlaufen-
den Geldes statt in Form von Banknoten ausgeben in Form von Giralgeld,
das den Banken zur Verfügung gestellt wird. Dann würde es auch keinerlei
geldtechnische Schwierigkeiten bereiten, dieses Giralgeld mit den jeweils
geldpolitisch für erforderlich gehaltenen Durchhaltekosten zu belasten;
Diese Durchhaltekosten würden den Konten belastet wie heute Überzie-
hungszinsen oder Buchungsgebühren. Da dieses Giralgeld mit Durchhalte-
kosten belastet wäre, wäre es "schlechter" als die übrigen Banknoten und
Münzen. Weil es sich um ein gesetzliches Zahlungsmittel handeln würde,
müßte sich jeder gefallen lassen, daß man ihn mit diesem "schlechten" Gi-
ralgeld bezahlt, so wie früher die Leute mit den schlechteren Münzen vor-
lieb nehmen mußten, wenn ihre Schuldner die besseren in der Kasse behiel-
ten. Bei alledem müßte freilich die Zahlung mit Giralgeld ähnlich garantiert
werden wie der gutgläubige Erwerb von Banknoten und Münzen (5).
 

So würde sich auf dem Markt das neue, mit Durchhaltekosten belastete Gi-
ralgeld durchsetzen. Für die Banknoten und Münzen alter Art und Güte
müßte ein Aufgeld bezahlt werden, wenn man sie sich besorgen will. Man
könnte also nach wie vor Automaten mit Münzen bedienen und Zahlungen,
die geheim bleiben sollen, mit alten Banknoten tätigen, müßte aber für die
besonderen, in Anspruch genommenen Vorteile auch entsprechende Kosten
in Kauf nehmen.
 

Was aber heißt es, daß sich das neue mit Durchhaltekosten belastete Giral-
geld im Verkehr "durchsetzt" und "den Ton angibt"? Das bedeutet, daß
sich dann der Zins des Geldes nach der Keynesschen Formel richtet: Zins
gleich Liquiditätsprämie minus Durchhaltekosten. Von dieser Form der
Durchhaltekosten auf Liquidität läßt sich nicht mehr sagen, sie sei un-
durchführbar. Zu reden bliebe freilich über vieles: Mit welchen Geldmen-
gen soll dabei operiert werden? Mit welchen Mindestreservesätzen soll die
Menge des Giralgeldes unter Kontrolle gehalten werden? Mit welchem Pro-
zentsatz für die Durchhaltekosten sollte die Umstellung der Geldordnung
auf "Geld ohne Mehrwert" eingeleitet werden? Ob und in welchem Um-
fange wären schließlich nationale Alleingänge möglich und wie würde sich
ein nationaler Alleingang auf die Flucht von Geldkapital einerseits sowie
auf die Neubildung von Realkapital andererseits auswirken?
 
 
 

Geld ohne Mehrwert

Werden dem Geld Durchhaltekosten in einer Höhe angeheftet, die dafür
sorgen, daß die im Falle eines Geldverleihs erzielbare Liquiditätsverzichts-
prämie aufgezehrt wird, dann ist das Geld in der Kasse genau so viel wert
wie Geld, das verliehen wird, und wie Geld, das ausgegeben wird. Dann hat
das Geld keinen gespaltenen Wert mehr. Verbleibt dem Geldbesitzer wegen
der Durchhaltekosten kaum noch etwas von seinem wirtschaftlichen Liqui-
ditätsvorteil, so kann er ihn bei der Kreditvergabe auch nicht mehr vom
Entleiher vergütet verlangen. Was der Verleiher an Zins nicht fordern kann,
spart der Entleiher an Kreditkosten. Die Kreditkosten hatten sich jedoch
oben als nichts anderes erwiesen als volkswirtschaftliche Recycling-Kosten:
nämlich als Kosten, die anfallen, wenn Liquidität aus Kassen, in denen sie
nicht zur Befriedigung eines Bedarfes gebraucht wird, in andere Kassen
transferiert werden soll, wo sie benötigt wird. Sinken aber diese Transfer-
und Recycling-Kosten, dann werden Transfer und Recycling auch erleich-
tert. Mit anderen Worten: Es wird volkswirtschaftlich wieder erschwing-
lich, den unbefriedigten volkswirtschaftlichen Bedarf mit den ungenutzten
volkswirtschaftlichen Leistungsreserven ins Geschäft zu bringen. Die Ar-
beitslosigkeit wird abgebaut. Das "Geld ohne Bedarf" kommt zum Nullta-
rif zu dem "Bedarf ohne Geld" und verhilft dem Bedarf zur Nachfrage
und damit zur Befriedigung durch volkswirtschaftliche Leistung.
 

"Nulltarif" heißt freilich nicht, daß das Geld denen, die gegenwärtigen Be-
darf haben, geschenkt würde: Es geht hier nur um die Kosten von Krediten!
Das verschobene Geld muß selbstverständlich zu vereinbarter Zeit zurück-
gezahlt werden; nur eben der Zins entfällt. An seine Stelle treten die
Durchhaltekosten beim Entleiher: Er trägt jetzt keine Kapitalkosten mehr,
die während der ganzen Laufzeit des Kredits anfallen, sondern nur noch
Liquiditätskosten, die nur solange anfallen, wie er das geliehene Geld in
der Kasse behält, bevor er es wieder ausgibt (immer angenommen, daß die
Durchhaltekosten so dosiert wurden, daß sie den Liquiditätsvorteil kom-
pensieren).
 

"Geld ohne Mehrwert" bedeutet aber noch mehr: Bislang sind hier nur die
Zinsen von Geldkapital ins Auge gefaßt worden, nicht auch schon die Ren-
diten von Realkapital. Wenn die Zinsen von Geldkapital Dank der Durch-
haltekosten nennenswert gesenkt werden, und zwar so, daß darunter die
Marktwirtschaft nicht Schaden leidet, sondern nur ihren Nutzen davon
hat, dann bleibt das nicht ohne Folge für die Renditen von Realkapitalien.
Denn zwischen dem Zins des Geldes und den Renditen aus (vermehrbaren)
Realkapitalien besteht ein Wirkungszusammenhang, der auf die ökonomi-
sche Formel gebracht zu werden pflegt, daß der Grenznutzen des Geldka-
pitals den Standard setzt für den Grenznutzen von Realkapital. Wirft Geld
weniger Zinsen ab, so muß auch Realkapital nicht so viel Rendite abwer-
fen, und es lohnt sich daher schon früher wieder, das Realkapital "Arbeits-
kraft" unternehmerisch einzusetzen. Auch insofern ergibt sich ein Abbau
der Arbeitslosigkeit, von andern Folgen und Fernwirkungen ganz zu
schweigen.
 

Eine strukturelle Ursache für langfristige Arbeitslosigkeit liegt also in der
Geldordnung. Sie kann als das Mehrwertsyndrom bezeichnet werden und
hängt zusammen mit unserem heutigen "Geld mit Mehrwert". Wenn nun
nicht nur die Symptome des Syndroms behandelt werden sollen, sondern
auch seine Ursachen, dann muß die Struktur der Geldordnung und damit
die Eigenschaft des Geldes, Zinsen zu bringen, beeinflußt werden. Das ge-
schieht rechtstechnisch mit Hilfe der Durchhaltekosten auf Liquidität. Sie
schöpfen mit dem Liquiditätsvorteil den Mehrwert des Geldes ab. So wird
das Mehrwertsyndrom kuriert und ein "Geld ohne Mehrwert" (6) geschaf-
fen.
 
 
 

Nachtrag
 

Symptom Nr. 6: Roboterrenditen verdrängen Arbeitslöhne

Durch die Automatisierung und Roboterisierung in den Büros und in den
Fabrikhallen werden ,;Arbeitsplätze wegrationalisiert". Automatisierbare
und roboterisierbare Handgriffe werden von Maschinen erledigt. Das kön-
nen wir nicht als Erfüllung eines alten Menschheitstraumes und nicht als
eine "Befreiung von monotoner Arbeit" begrüßen, sondern müssen es fürch-
ten, weil wir es mit dem Übel bezahlen, daß arbeitswillige Menschen nicht
mehr durch ihre Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen können.
 

Um ihrer Wettbewerbsfähigkeit willen "muß" unsere Wirtschaft rationali-
sierten und roboterisieren. Aber einen großen Teil der Kosten, die die Wirt-
schaft dabei spart, muß das Gemeinwesen bei ihr alsbald wieder eintreiben,
um die sozialen Folgen abzufangen: Die Staats- und Wohlfahrtsquote steigt,
- und die kostspieligen bürokratischen Umwege nehmen zu, die wir uns in
unserem absurden System der Fehlallokationen, Umverteilungen und Rück-
verteilungen leisten.
 

Angesichts der "Vernichtung von Arbeitsplätzen" wird dann nach gerech-
terer Verteilung der knappen Arbeit gerufen. Das erscheint oberflächlich
plausibel, wirkt bei genauerem Hinsehen jedoch eigenartig: Erstens wird
durch Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich die Arbeit ins-
besondere für kleinere Betriebe noch teurer. Zweitens führt nach Adam
Riese eine Verteuerung der Arbeit nicht gerade zu mehr Nachfrage nach
Arbeit: Drittens und vor allem aber handelt es sich bei der als Mittel zum
Zweck eingesetzten Arbeitszeitverkürzung nur um ein weiteres Herumku-
rieren am Symptom. Der eigentliche Befund wird nicht einmal gesehen, ge-
schweige denn begriffen: der Befund nämlich, daß es Roboterrenditen sind,
welche die Arbeitslöhne verdrängen.
 

Roboter kaufen keine Videorekorder, keine Möbel und keine Kleidung.
Roboter gehen nicht ins Theater, fahren nicht in Urlaub. Roboter kommen
nicht mit "Nachfrage" nach den Produkten auf den Markt, die sie und an-
dere produzieren. Denn sie haben nicht wie die Arbeitnehmer, die durch
die Roboter verdrängt werden, ungestillte Bedürfnisse, die, sobald sie mo-
netär unterfüttert werden, in Form von Nachfrage auf den Märkten erschei-
nen.
 

Was die Roboter "verdienen", das fließt denn auch gar nicht "den Robo-
tern" zu. Es fließt auch nicht "den Unternehmern" zu. Die Roboterrendi-
ten bekommt vielmehr der, dem die Roboter kapitalmäßig "gehören", also
der "Kapitaleigner". Führen nun die Roboterrenditen wenigstens bei den
Kapitalgebern zu Nachfrage und zur Abnahme der Produkte, die erzeugt
werden? - Mit dieser Frage sind wir wieder beim Problem: Nur wer volle
Kassen ohne nennenswerten Bedarf hat, so daß das Vergnügen an der Ren-
dite das Vergnügen an weiterer Bedarfsbefriedigung übersteigt, - nur der
kann Roboter finanzieren, die ihre Renditen abwerfen. Also haben wir es
wieder typischerweise mit Menschen zu tun, die ihre wichtigsten Bedürfnis-
se befriedigt haben und nunmehr das Bedürfnis entwickeln, Zinsen und
Renditen einzustreichen. Also führen die Roboterrenditen mit großer Wahr-
scheinlichkeit wiederum nicht nach Nachfrage im realwirtschaftlichen Be-
reich, sondern sie unterfüttern nur erneut die Möglichkeit von Kapitalge-
bern, Zinsen und Renditen zu verlangen, bevor sie ihre Gelder in den real-
wirtschaftlichen Bereich zurückgeben.
 

Wer angesichts dieser Umstände dafür eintritt, nur die angeblich knappe
Arbeit umzuverteilen, setzt sich also letztlich dafür ein, durch Linderung
eines Symptoms die im Hintergrund wirksamen Strukturen zu sichern und
zu festigen. Kurzfristig mag unter dem einen oder dem anderen Aspekt
auch die Linderung des Symptoms nützlich und gerechtfertigt sein; lang-
fristig aber verschärft man auch damit wiederum nur die Probleme, um die
es in Wahrheit geht. Außerdem verdeckt der Kampf um die Arbeitszeitver-
kürzung, den die Gewerkschaften "gegen die Unternehmer" führen, daß
"die Unternehmer" gar nicht die richtigen Gegner sind. "Die Unternehmer"
sind eigentlich geborene Verbündete der Arbeitnehmer und stehen selbst
unter dem Renditedruck, den die Kapitalgeber dank der Geldordnung auf
sie ausüben können. Man kämpft mit falschen Fronten.
 

Wir könnten der Rationalisierung und Roboterisierung viel ruhiger entge-
genschauen, wenn durch marktkonforme und marktbefreiende Abschöp-
fung des Liquiditätsvorteils von Geld der Nettozins für Geldkapital und da-
mit auch die Rendite von vermehrbaren Realkapitalien heruntergefahren
würden: Dann flössen innerhalb der Volkswirtschaft selbstverständlich
nach wie vor Einkommen von Konsumenten zu Einkommensempfängern
hin, - aber immer weniger Einkommen "aus Kapital" und immer mehr
Einkommen "aus Arbeit" von Arbeitnehmern und "aus Leistung und Ri-
sikobereitschaft" von Unternehmern. Ralionalisierungsinvestitionen wür-
den billiger, die Produktivität würde steigen. Ob dann (nicht als Mittel zum
Zwecke, sondern als unausweichliche Folge!) entweder weniger gearbeitet
wird oder die Löhne erhöht oder die Preise gesenkt werden, - das wäre
dann die schwierige Frage.
 

Anmerkungen
 

1) Von 1972 bis 1981 sind die Zinserträge der Banken, den wichtigsten Umschlag-
plätzen für Kredite, von 58,4 auf 213,56, die Zinsaufwendungen von 39,9 auf
166,41 und die Überschüsse daraus von 18,5 auf 47,14 Mrd. DM gestiegen. Die
Zinsaufwendungen der öffentlichen Haushalte sind von 1975 bis 1982 von 14,7
auf 34,6 Mrd. geklettert. Bei den Unternehmen ist das Bild zwiespältig insofern,
als einerseits die Zinsaufwendungen von 24,2 (1972) auf 61,5 (1981), andererseits,
nicht weniger aufschlußreich, die Zinserträge von 6,7 auf 19 Mrd. angeschwollen
sind. (Zahlen aus den Monatsberichten der Deutschen Bundesbank).
 

2) Dazu z. B. Fritsch, die Eigenkapitallücke in der Bundesrepublik, 1981.
 

3) Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, 1936,
S. 188 ff.
 

4) S. 196, 298-302. Bei den Reformen, die Keynes hier im Auge hat, handelt es sich
um Silvio Gesell (dazu S. 28, 298-302, 313, 320) und um N. A. L. J. Johannsen
(dazu Keynes, Vom Gelde, 1931/32, S. 375).
 

5) Denkbar wäre auch, statt des mit Durchhaltekosten belasteten Giralgeldes nur die
umlaufenden Banknoten höheren Nennwertes durch Stempelgeld zu ersetzen; der
Effekt wäre entsprechend.
 

6) Ausf. Suhr, Geld ohne Mehrwert, Fritz Knapp, Frankfurt, 1983. Zur verfassungs-
rechtlichen Seite ders., Die Geldordnung aus verfassungsrechtlicher Sicht, in: Star-
batty (Hrsg.), Geldordnung und Geldpolitik in einer freiheitlichen Gesellschaft,
1982, S. 91-116.

 


 
 



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