| Der Euro und wir
Wir werden ihn bekommen und wir werden ihn benutzen. Damit werden
wir bald so wenig Probleme haben wie mit der D-Mark. An neue Größenordnungen
unserer Gehälter, Ver- mögen und Konsumausgaben werden wir uns
wohl rasch gewöhnen; in der Übergangszeit werden wir alles einfach
durch zwei teilen - auch wenn wir damit um etwa 1% neben dem Umtauschkurs
liegen werden. So genau nehmen wir es im täglichen Leben doch nur
selten. Das wird schon gehen. Wir werden die Zahl der Millionäre vermindern,
aber Zins und Zinseszins werden die Vermögen innerhalb von 15 Jahren
sicher wieder verdoppeln.
Wer volkswirtschaftlich und währungs-politisch interessiert ist,
wird noch weitere Probleme bekommen. Die maßgebende 'Volkswirtschaft'
wird bald nicht mehr die deutsche, sondern die europäische sein; dabei
werden wir ständig zwischen dem Raum der Europäischen Union und
dem Währungsraum des Euro unterscheiden müssen. Die wirtschaftliche
Integration wird innerhalb des Euro-Raumes am stärksten sein. Die
währungspolitischen Kennzahlen und Wirkungen werden sich stets nur
auf den Euro-Raum beziehen.
Die Erfahrungen mit der deutsch-deutschen Wirtschafts- und Währungs-union
lassen uns ein wenig ahnen, wo Probleme liegen. Die Währungsunion
wurde rasch und äußerlich problemloser bewältigt, als zunächst
erwartet wurde. Wer wußte schon, welche verheerenden Folgen der wirtschaftlich
falsche, politisch kalkulierte Umtauschkurs haben mußte. Solche
Probleme werden wir im Gefolge des Euro nicht bekommen, weil die Umtauschkurse
den wirtschaftlichen Verhältnissen zwischen den beteiligten Volkswirtschaften
entsprechen. Nach der Wiedervereinigung hat die Bundesbank durch einen
rigorosen geldpolitischen Kurs dafür gesorgt, daß die als Folge
des falschen Umtauschkurses befürchtete Inflation nicht eintrat. Das
hat die zunächst aufblühende Wieder- vereinigungskonjunktur aber
gnadenlos abgewürgt. Die Wirtschaftsentwicklung ist trotz einheitlicher
Währung in Ost und West noch recht unterschiedlich, und die Wirtschafts-
und Arbeitslosenstatistik weist die Zahlen für Ost und West richtigerweise
immer noch getrennt aus. Die Währungsunion haben wir; die wirk-liche
Einheitlichkeit der wirtschaftlichen Lebensverhälntisse läßt
noch auf sich warten. Das wird sich wohl in Europa ganz ähnlich entwickeln.
Am 1. Januar 1999 wird die geldpolitische Verantwortung von der Bundesbank
auf die Europäische Zentralbank - EZB - übergehen. Die nationalen
Währungen werden dann nicht mehr national, sondern einheitlich supranational
gesteuert. Die EZB wird vom ersten Tag an nur noch den Euro steuern, der
im Wirtschaftskreislauf nur als Giralgeld verfügbar, aber im übrigen
noch durch die alten nationalen Banknoten und Preise gewissermaßen
'vertreten' sein wird. Das Austauschverhältnis zwischen dem nationalen
und dem europäischen Geldwert liegt ein für allemal fest - lange
bevor die Euro-Banknoten und -Münzen die nationalen Banknoten und
Münzen ablösen werden. Vielleicht liegt hierin eine gute Denkübung,
den Geldwert und das Geldzeichen (Tauschmittel) unterscheiden zu lernen.
Zwar bildet sich der Geldwert im Wirtschaftsverkehr durch den Tausch von
Geldzeichen (Banknoten und Münzen) gegen Waren und Dienstleistungen;
die Knappheitsverhältnisse zwischen Geld und Ware bestimmen die Einzelpreise
und gleichzeitig - wie spiegelbildlich - den Wert des Geldes. Wenn Geldzeichen
zu reichlich vorhanden sind, steigen alle Warenpreise und umgekehrt fallen
sie bei fehlenden Geldzeichen.
Wer Geldzeichen und Geldwert unterscheiden kann, kann sich auch ein
'alterndes Geld' vorstellen - bei stabilem Geldwert. Er weiß zu unterscheiden
zwischen dem Wert des einzelnen Geldzeichens und dem Wert des Geldes als
Recheneinheit. Nur der Wert des einzelnen Geldzeichens soll 'altern', also
jährlich z.B. 5 % seines Nennwertes verlieren; der am Jahresanfang
neue 100 DM-Schein kann bei unveränderten Einzelpreisen und unverändertem
Preisniveau am Jahresende nur noch für 95 DM Waren kaufen. Auf den
älter gewordenen Geldschein muß also noch eine Fünf-Mark-
Münze draufgelegt werden, wenn man dieselben Waren kaufen will wie
am Jahresanfang. Auch wenn jedes einzelne Geldzeichen altert, also langsam
weniger wert wird, bleibt der Geldwert unbeeinflußt, vorausgesetzt
der Gesamtbestand der Geldzeichen wird durch neue in dem Maße ergänzt,
in dem der Altbestand gealtert ist - z.B. um 5% pro Jahr.
Rudolf Steiner wollte durch die Einführung alternder Geldzeichen
die "Überlegenheit des Geldes über die Waren" beseitigen, damit
der Wirtschaftskreislauf ins Gleichgewicht kommt. Die Waren altern, aber
unser traditionelles Geld ist der Idee nach ein ewiger Pfennig und deshalb
"ein unreeller Konkurrent der Ware" (Steiner). Die Waren müssen zügig
abgesetzt werden; das Bargeld muß man nicht zügig ausgeben durch
Kaufen oder Leihen oder Schenken.
Der Verlust des einzelnen durch das Altern der Geldzeichen beschränkt
sich auf, in unserem Beispiel, 5 % seines durchschnittlichen Bargeldbestandes
pro Jahr. Den kann er gering halten. Sein Geldvermögen, das in Sparbüchern,
Darlehen und festverzinslichen Wertpapieren angelegt ist, bleibt wertmäßig
unverändert. Das ist der Unterschied zwischen Inflation und alterndem
Geld. Ein kleines Opfer muß sein, denn mit dem traditionellen Geld
ist der Geldumlauf und damit der Wirtschaftskreislauf nicht stabil und
deswegen schwankt der Geldwert dann doch immer wieder, ob es die Bundesbank
will oder nicht.
Die EZB hat die Aufgabe, den Wert des Euro stabil zu halten. Damit sie
dieses Ziel ohne politische Rücksichtnahme verfolgen kann, ist sie
von den nationalen Regierungen, der Europäischen Kommission, dem Europäischen
Ministerrat und dem Europäischen Parlament unabhängig. Sie muß
ihre Entscheidungen aber öffentlich begründen und eine öffentliche
Diskussion über ihre jeweiligen geldpolitischen Maßnahmen ertragen.
Die Bundesbank ist deshalb gesetzlich verpflichtet, jedermann, der es wünscht,
ihre umfangreichen Monats- und Jahresberichte unentgeltlich zu übersenden.
Die EZB wird das sicher auch tun. Sie darf auch aus dieser öffentlichen
Debatte ihrer Politik lernen und es künftig besser machen.
Diese für die weitere Entwicklung unserer Währung und unseres
Wirtschaftsschicksals wichtige öffentliche Debatte wird künftig
schwerer zu verfolgen und zu beeinflussen sein als bisher. Sie wird in
einer Vielzahl von Sprachen stattfinden. Das ist ein großes Problem,
wenn man bedenkt, wie spannend es in den letzten Jahrzehnten war, die Darstellungen
der Bundesbank zu verfolgen. Für die von ihr noch nicht zureichend
beherrschten Phänomene der Geldpolitik, wie zum Beispiel die Umlaufgeschwindigkeit
des Geldes oder die Inflationsrate fand sie ständig neue Formulierungen.
Das ist im ehrlichen Erkenntnisbemühen ganz typisch. "Wo Begriffe
fehlen, da stellen Worte schnell sich ein", wenn man sich äußern
soll. Verräterischerweise wechseln die Worte ständig, solange
die richtigen Begriffe für bestimmte Phänomene noch fehlen.
Man vergleiche nur die jährlichen Begründungen der Bundesbank
für die jeweils angestrebte Rate der Vermehrung der Geldmenge. Da
brachten Anführungszeichen zum Ausdruck, daß das Phänomen
der 'Umlaufgeschwindigkeit' der Bundesbank stets unheimlich war; da erklärte
sie sich bereit, eine 'unvermeidliche Preissteigerungsrate' oder eine 'Preisnorm'
oder eine 'normative Preissteigerungsrate' von jeweils 2% durch entsprechende
Geldvermehrung zu finanzieren. - Wer die Politik der EZB verfolgen will,
wird künftig oft gezwungen sein, denselben Bericht in verschiedenen
Sprachen zu analysieren, um sich sicher zu sein, ob eine veränderte
Formulierung auf einer neuen Sicht der Dinge oder nur auf einem Wechsel
des amtlichen Übersetzers beruht.
Die Geldpolitik ist für die Wirtschaftsentwicklung ausschlaggebender
als gemeinhin angenommen wird. Die Einsichten über die Wirkungen verschiedener
geldpolitischer Maßnahmen sind leider immer noch unzureichend. Es
lohnt sich daher, die geldpolitischen Diskussionen genauestens zu verfolgen
und sich an ihnen wenigstens wahrnehmend zu beteiligen - auch wenn
das künftig schwieriger sein wird. Wir brauchen dringend eine bessere
Geldpolitik. Von alleine wird sie wohl kaum kommen.
Eckhard Behrens
Jurist und Volkswirt,
Vorstandsmitglied des Seminars für freiheitliche Ordnung, Bad
Boll
veröffentlicht im Bankspiegel 2/98 der GLS Gemeinschaftsbank e.G.
Bochum
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