Seminar für freiheitliche Ordnung
der Kultur, der Wirtschaft und des Staates e.V.


Schriftenreihe "Fragen der Freiheit"

Aus "Zeitschrift für Sozialökonomie" 35.Jhg. 116. Folge März 1998
(mit freundliccher Unterstützung der Redaktion und der Gauke Verlags GmbH)

WILLIAM DARITY JUN.

University of North Carolina

Keynes' politische Philosophie: 
Die Verbindung mit Gesell

Karl Marx (1963, 70), der wohl scharfsinnigste Erforscher ökonomischer Doktrinen, machte einmal die berühmte und treffende Bemerkung, daß Adam Smith in wesentlichen Passagen seines Werkes "Der Wohlstand der Nationen" "in hohem Maße von den Vorstellungen der Physiokraten beeinflußt war". Entsprechend kann man sagen, daß John M. Keynes sich in wesentlichen Teilen seines Werkes "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" stark an Gesell anlehnte - besonders, aber nicht ausschließlich, in seinen staatsphilosophischen Äußerungen über die Beziehung zwischen Staat und Wirtschaft.

Doch Keynes hat nicht nur seine staatsphilosophischen Theorien von Gesell übernommen. Keynes' Auffassungen über das Geldwesen liegen so stark auf der Linie Gesells, daß die Ähnlichkeit mehr als unheimlich ist. Keynes' Übernahme der Theorie, daß das Geldwesen und der Zinsfuß den wirtschaftlichen Aufschwung behindern, ist das zentrale Thema von Gesells (1934; 1936) Werk "Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld". Um die Absurdität des Geld- und Zinssystems zu veranschaulichen (und sich noch etwas stärker von Karl Marx zu distanzieren), erzählte Gesell (1934, 217-22) ein Gleichnis. Er schilderte ein fiktives Gespräch zwischen Robinson Crusoe und einem Fremden, der vor kurzem auf seiner Insel gestrandet war.

Gesells Gleichnis enthält die Aussage, daß für diejenigen, die rentable Investitionen tätigen wollen, der zinstragende Aspekt von Geld unnötige Produktionskosten mit sich bringe, welche den Umfang ihrer Aktivitäten und somit auch die Beschäftigungsmenge begrenze. Da zudem wohlhabende Personen Einkommen aus dem Verleihen von Geld gegen Zins oder aus der Verpachtung von Land erhalten können, hätten sie kaum einen Anreiz, mit ihrem Vermögen produktive Investitionen zu finanzieren. Sie wären auch nicht motiviert, Reichtum in Form von Gütern anzuhäufen, deren Produktion Arbeitsplätze schaffen würde. Und wenn die Verzinsung ihres Geldes zeitweise sehr niedrig sei, könnten sie ihr Geld auch einfach in der Kasse festhalten, bis die Verzinsung wieder steigt. Die Nachfrage nach Geld oder Land im Portfolio schafft nicht automatisch auch Arbeitsplätze.

So schafft also das Geld- und Zinssystem nach Gesell ein strukturelles Hindernis für ständige Vollbeschäftigung. Es bedarf daher einer Reform des Systems, um die Neigung der Geldbesitzer, ihr Kapital zurückzuhalten, auf ein Mindestmaß zurückzuschrauben. Gesell sprach sich für ein Stempelgeldsystem aus, um Geldbesitzer mit direkten Gebühren zu belasten, wenn sie ihr Geld nicht in den wirtschaftlichen Kreislauf einfließen lassen. Keynes (1936, 301) war fasziniert von Gesells Gleichnis; er beschrieb das "Zwiegespräch zwischen Robinson Crusoe und einem Fremden” als "eine ganz ausgezeichnete wirtschaftliche Parabel - so gut wie nur irgendetwas dieser Art, was geschrieben wurde -, um diesen Punkt darzulegen”, bevor er zu dem Punkt kam, wo seiner Ansicht nach der "große Fehler” in Gesells Theorie liegt, nämlich, daß ihm die Theorie der Vorliebe für Liquidität entgangen sei.

Keynes' gut entwickelte Theorie der Vorliebe für Liquidität identifiziert die unbedeutenden Durchhaltekosten des Geldes als grundlegendes Übel, da auf diese Weise ein übermäßiger Anreiz geschaffen wird, Geld in der Kasse zu halten, statt es in Realkapital zu investieren. Entsprechend sah er in GesellsVorschlag von "gestempeltem” Geld eine geniale Idee - damit könnten im Prinzip künstliche Durchhaltekosten des Geldes erzeugt werden. Gesell (1936, 9) schrieb ausdrücklich: "... wir müssen Geldzeichen demselben Verlust unterwerfen, dem auch Waren durch die Notwendigkeit der Lagerung unterworfen sind. Geld ist dann nicht mehr den Waren überlegen; es bleibt sich dann gleich, ob jemand Geld oder Güter besitzt.”

Gesells System hätte erfordert, daß Geldbesitzer ihr Geld in regelmäßigen Abständen mit einem Legalitätsstempel versehen lassen, um seinen Charakter als gesetzliches Zahlungsmittel zu wahren. Dafür würde dann eine bestimmte Gebühr erhoben werden. Keynes' Theorie der Vorliebe für Liquidität ließ ein solches System des gestempelten Geldes besonders reizvoll erscheinen. Keynes (1936, 233-34) war der Ansicht, daß der Geldzinsfuß als Reaktion auf Veränderungen der Geldmenge in einem bestimmten Stadium relativ unelastisch wird. Diese Starrheit des Geldzinsfußes liegt an der Liqiuidititätsprämie, seinem Erträgnis. Nach Keynes wird das Minimum des Geldzinsfußes nicht durch die Erwartung des künftigen Anstiegs des Zinsfußes reguliert, wie Verfechter der "Liquiditätsfalle” behaupten, sondern durch eine wesentliche Eigenschaft des Geldes, nämlich durch seine Eigenschaft als liquidester Vermögenswert.

Demzufolge würde ein System des gestempelten Geldes dem Geld Durchhaltekosten auferlegen, die die Liquiditätsprämie ausgleichen und den Reiz der Hortung von Geld vermindern: "Jene Reformatoren, die in der Erzeugung künstlicher Durchhaltekosten des Geldes ein Heilmittel gesucht haben, zum Beispiel durch das Erfordernis periodischer Abstempelungen der gesetzlichen Zahlungsmittel zu vorgeschriebenen Gebühren, sind somit auf der richtigen Spur gewesen; und der praktische Wert ihrer Vorschläge verdient erwogen zu werden." ( Keynes 1936, 234; dt. 196 )

Die Vorstellung von gestempeltem Geld ist nach Keynes' Einschätzung (1936,357, dt.302) ein "gesunder Gedanke”. Doch da Gesell Keynes zufolge die Vorliebe für Liquidität nicht richtig erkannte, habe er die Tatsache übersehen, "daß das Geld nicht einzigartig darin ist, daß ihm eine Liquiditätsprämie anhaftet, sondern in dieser Beziehung nur im Grad von vielen anderen Waren abweicht, und daß seine Bedeutung daher rührt, daß es eine größere Liquiditätsprämie als irgendeine andere Ware hat.” Das Abstempeln des Geldes würde, laut Keynes, nicht den Fluchtweg in die Liquidität versperren. Die Anwendung des Stempelsystems auf Banknoten würde beispielsweise lediglich dazu führen, daß eine lange "Reihe von Ersatzmitteln in ihre Fußtapfen tritt - Bankgeld, täglich abrufbare Darlehen, ausländisches Geld, Juwelen und die Edelmetalle im allgemeinen.”

An dieser Stelle machte Keynes (1936,358,dt.302) die merkwürdige, aber faszinierende Beobachtung, daß "...es Zeiten gegeben (hat), in denen wahrscheinlich die Begierde nach dem Besitz von Land, ohne Rücksicht auf sein Erträgnis, dazu beigetragen hat, den Zinsfuß hoch zu halten”, d.h. selbst Land fungierte irgendwann einmal als Geld. Gesells "Die NatürlicheWirtschaftsordnung" zielt auf die gleiche Vorstellung ab, daß die Verpachtung von Land ein ähnliches Hindernis für den Wohlstand sein kann wie der Geldzinsfuß, und so rief er zur Verstaatlichung des Landes auf. Keynes (1936,358, dt.302) erkannte, daß Gesells Aufruf zur Verstaatlichung des Landes seine Bedeutung bei der Hochhaltung des Zinsfußes verringern würde.

Gesell (1936, 9), der Pierre-Joseph Proudhon im Geist eines anti-marxistischen Sozialismus folgte (in Anbetracht von Gesells etwas eigentümlicher Deutung von Marx), sprach sich dafür aus, den Kapitalismus und das Kapital als Klasse nicht mittels einer Revolution, sondern durch Wohlstand zu überwinden. Wenn das Realkapital so reichlich vorhanden wäre, daß sein Ertrag gegen Null ginge, würde das das Ende des Kapitalismus bedeuten. Daher sah er in einer hohen Beschäftigungsrate und Produktion den besseren Weg zum Sozialismus als in wirtschaftlicher Depression und unsicherer Arbeitsmarktlage. Geht die folgende Passage aus der "Allgemeinen Theorie" nicht in dieselbe Richtung? "Kapitalzinsen sind heute keine Belohnung für ein wirkliches Opfer, sowenig wie die Pachtzinsen von Land. Der Besitzer von Kapital kann Zinsen erhalten, weil das Kapital knapp ist,gerade wie der Besitzer von Land einen Pachtzins erhalten kann, weil das Land knapp ist. Aber während an sich Gründe für die Knappheit von Land bestehen mögen, bestehen an sich keine Gründe für die Knappheit des Kapitals. Ein Grund an sich für eine solche Knappheit im Sinne eines wirklichen Opfers, das nur durch das Angebot einer Entschädigung in der Form von Zinsen hervorgerufen werden könnte, würde auf lange Dauer nicht bestehen, ausgenommen, wenn sich der einzelne Hang zum Verbrauch als derart erweisen würde,daß die Reinersparnis in Zuständen der Vollbeschäftigung zu einem Ende kommt, bevor das Kapital reichlich genug geworden ist. Aber selbst dann wird es immer noch möglich sein,die gemeinsame Ersparnis durch die Vermittlung des Staates auf einem Niveau aufrecht zu erhalten, das das Wachstum des Kapitals bis auf den Punkt zulassen wird, auf dem es aufhört knapp zu sein.

Ich betrachte daher die Rentnerseite des Kapitalismus als eine vorübergehende Phase, die verschwinden wird, wenn sie ihre Leistung vollbracht hat. Und mit dem Verschwinden der Rentnerseite wird noch vieles andere einen Gezeitenwechsel erfahren. Es wird überdies ein großer Vorteil der Ereignisfolge sein, die ich befürworte, daß der sanfte Tod des Rentners, des funktionslosen Investors, nichts Plötzliches sein wird, sondern nur eine allmähliche, aber verlängerte Fortsetzung dessen, was wir jüngst in Großbritannien gesehen haben und keine Revolution erfordern wird." (Keynes 1936, 375-376, dt. 317 )

Sowohl Keynes als auch Gesell befürworteten ein System von einem gegen Null tendierenden Geldzinsfuß. Für Keynes (1936, 356) gab es vom Standpunkt seiner ökonomischen Theorie, nach der das Investieren das Sparen fördert, statt umgekehrt, keinen triftigen Grund für die Ansicht, daß der Zinsfuß hoch sein solle:"Eine angemessene Höhe des Zinsfußes wurde bisher mit der Notwendigkeit gerechtfertigt, für einen ausreichenden Anreiz zum Sparen zu sorgen. Aber wir haben gezeigt, daß der Umfang der Ersparnis notwendigerweise vom Umfang der Investitionen bestimmt wird und daß der Umfang der Investitionen von einem niedrigen Zinsfuß begünstigt wird - vorausgesetzt, daß wir nicht versuchen, sie über jenen Punkt hinaus zu stimulieren, der einer Vollbeschäftigung entspricht.So ist es zu unserem eigenen Vorteil, den Zinsfuß in Relation zur Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals auf das Niveau zu senken, bei dem sich Vollbeschäftigung einstellt."

Die enge Übereinstimmung der Anschauungen von Keynes und Gesell wurde durch zwei Versäumnisse in der modernen Entwicklung unseres Verständnisses für Keynes' Denkweise verdunkelt. Zunächst wurde kaum oder gar kein Versuch unternommen, dem Beispiel des verstorbenen Dudley Dillard zu folgen, der nur wenige Jahre nach der Veröffentlichung der "Allgemeinen Theorie" sehr genau die Verbindungslinie untersucht hat, die von Proudhon über Gesell zu Keynes führt (Dillard, 1942a; 1942b). Da er die "Allgemeine Theorie" sehr genau gelesen hatte, ließ Dillard sich nicht wie Keynes dazu verleiten, Gesell jener kleinen Gruppe von exzentrischen Theoretikern zuzuordnen, denen nicht wie anderen klassischen Theoretikern die Bedeutung der wirksamen Nachfrage entgangen war. Bereits im dritten Kapitel der "Allgemeine Theorie" schrieb Keynes: "Das große Rätsel der wirksamen Nachfrage, mit dem Malthus gerungen hatte, verschwand aus der wirtschaftlichen Literatur. Man wird es in den gesamten Werken von Marshall, Edgeworth und Prof. Pigou, die der klassischen Theorie ihre reifste Verkörperung gaben, auch nicht ein einziges Mal nur erwähnt finden. Es konnte nur verstohlen unter der Oberfläche weiterleben, in den Unterwelten von Karl Marx, Silvio Gesell oder Major Douglas." ( Keynes 1936, 32, dt. 28 )

Viele Leser der "Allgemeinen Theorie" sahen in diesem Abschnitt vermutlich einen Hinweis, daß Keynes Gesell jenen eigentümlichen, absonderlichen und kauzigen Nichtakademikern zuordnete, die mehr aus Zufall als Absicht etwas Wesentliches begriffen hatten. Doch viel später, im 23. Kapitel der "Allgemeinen Theorie", beurteilte Keynes Gesells Werk mit weitaus mehr Begeisterung. Sie war so groß, daß Joseph Schumpeter (1954, 1118, Anmerkung 2) bemerkte, Gesells Bestreben, den Zinsfuß als Phänomen des Geldwesens zu behandeln, sei "von Lord Keynes vor dem Vergessen gerettet worden...”

Zweitens: Die Entscheidung der Herausgeber, welche Korrespondenzen in Keynes' "Collected Writings" aufgenommen werden sollten und welche nicht, hat ebenfalls dazu beigetragen, daß die Wissenschaftler nicht das volle Ausmaß der Ähnlichkeiten zwischen Keynes und Gesell erkannt haben. Im 30. Band der "Collected Writings", der den Titel "Biography and Index" trägt, führen Donald Moggridge und Austin Robinson (1989, xi-xii; Hervorhebung durch den Verfasser) folgende Passage als Rechtfertigung an für die Auslassung von Material, das den Wissenschaftlern eine bessere Vorstellung von Keynes' Verbindung mit den Gesellianern hätte vermitteln können: "Nachdem sie Keynes' schon früher veröffentlichten Werke bearbeitet hatten, standen die Herausgeber vor der Aufgabe, auszuwählen, welche von Keynes' unveröffentlichten Schriften sie herausbringen sollten - es ging also nicht nur darum, eine Auswahl aus verschiedenen Versionen zu treffen. Bei der Auswahl gingen sie nach einem Grundprinzip vor, das bei der Herausgabe der Schriften von Wirtschaftswissenschaftlernüblich ist, aber sonst meistens anders gehandhabt wird: Das Hauptaugenmerk der Veröffentlichung richtete sich auf Keynes Eigenschaft als Volkswirtschaftler und seine Verflechtung in öffentlichen Angelegenheiten. Das hatte zur Folge, daß die Herausgeber mit Ausnahme von gelegentlichen Auszügen aus Briefen, die sie als Aufhänger für ein bestimmtes Dokument benutzten, Keynes ausgedehnte persönliche Korrespendenz außer acht ließen, die im Falle einiger Korrespondenzpartner aus Hunderten von Briefen besteht. Ein Teil dieser Korrespondenz, wie sein Briefwechsel mit Lydia, werden vermutlich von anderen veröffentlicht werden. Doch selbst wenn man nach diesem Grundprinzip einen großen Teil des Materials ausschließt, hatten die Herausgeber noch immer große Probleme bei der Auswahl - sollten die Collected Writings nicht zwei- oder dreimal so umfangreich werden, wie die vorliegende Ausgabe. Einige Bände einer solchen vollständigen Ausgabe würden dann womöglich einzig und allein solche Texte enthalten wie ablehnende Bescheide seitens "The Economic Journal", höfliche Antworten auf die unzähligen Briefe, die er von 'Geldspinnern' ('monetary cranks') erhielt, oder Randbemerkungen oder Anmerkungen zu den Briefen, Notizen oder Schriftstücken von Staatsbeamten oder Ministern."

Ich nehme an, daß die Korrespondenz mit Schülern Gesells, die Keynes auf die Existenz der "Natürlichen Wirtschaftsordnung" aufmerksam machten, von Moggridge und Robinson zu den "unzähligen Briefen” gezählt wurden, "die er von den 'monetary cranks' erhielt”. Keynes (1936,353, dt. 299) schrieb, daß Gesells "Anhänger” ihn "mit Exemplaren seiner Werke ... bombardierten”. Keynes schilderte in der Tat, daß Gesells "Anhänger” eine nahezu fanatische Verehrung für die Lehren ihres Mentors an den Tag legten:"Das letzte Jahrzehnt seines Lebens verbrachte Gesell in Berlin und in der Schweiz und widmete es der Propaganda. Gesell zog die halbreligiöse Verehrung auf sich, die früher Henry George umgab, und wurde der verehrte Prophet eines Kultus mit Tausenden von Anhängern in der ganzen Welt. Die erste internationale Zusammenkunft des schweizerischen und deutschen Freiland-Freigeld-Bundes und ähnlicher Organisationen aus vielen Ländern wurde 1923 in Basel abgehalten. Nach seinem Tod 1930 wurde ein großer Teil der besonderen Art der Schwärmerei, die Doktrinen wie die seinen hervorrufen können, auf andere ( nach meiner Ansicht weniger bedeutende ) Propheten gelenkt. Dr. Büchi ist der Führer der Bewegung in England, aber ihre Literatur scheint von San Antonio, Texas, verbreitet zu werden. Ihre Hauptstärke liegt heute in den Vereinigten Staaten, wo Prof. Irving Fisher als einziger unter den akademischen Ökonomen ihre Bedeutung erkannt hat." ( Keynes 1936, 354 - 355, dt. 299-300 )
 

In San Antonio, Texas, befand sich der Sitz der Free-Economy Publishing Company, die Gesells Werk "Die Natürliche Wirtschaftsordnung" in englischer Sprache herausgegeben hat. Derselbe Verlag gab auch eine Zeitschrift heraus mit dem Titel "The Way Out", die eine Reihe von Lobreden auf Gesells Größe veröffentlichte, aber auch Aufsätze, die seine Ideen weiterentwickelten, besonders sein System des gestempelten Geldes als Grundlage zur Überwindung der Weltwirtschaftskrise. Einer der leidenschaftlichsten Anhänger Gesells, Hugo R. Fack (1931, 7-10), legte in "The Way Out" die einzelnen Schritte dar, die in den Vereinigten Staaten unternommen werden sollten, um gestempeltes Geld einzuführen.

Die Veröffentlichungen der Free-Economy Publishing Company behielten immer eine feindselige Haltung gegenüber Marx bei, aber eine Begeisterung für Sozialisten mit eher anarchistischen Tendenzen. So finden sich beispielsweise auf der Titelseite der Februarausgabe 1943 zu einem Artikel unter dem Pseudonym "Economicus” (1934, 1 - vielleicht Hugo Fack selbst) Zitate von Karl Kautsky über die grundlegenden Ziele des wahren Sozialismus. Wenn das Ziel des Sozialismus, so ein Zitat Kautskys, " die Aufhebung jeder Art von Ausbeutung und Unterdrückung ist, gegen welche Klasse, Geschlecht, Partei oder Rasse diese auch gerichtet sind”, besser erreicht werden könne "auf der Grundlage von Privateigentum”, dann solle man unbedingt "den Sozialismus über Bord werfen, ohne jedoch auch nur im geringsten unsere endgültigen Ziele aufzugeben.” Der Sozialismus, und damit meint er wahrscheinlich die Abschaffung des Privateigentums, war für Kautsky nicht ein Ziel an sich; diese Haltung war ganz im Sinne der Gesellianer.

Obwohl die beiden Schulen ideologisch im Streit lagen, ähnelte der propagandistische, sich wiederholende und voraussagbare Ton der Publikationen der Free-Economic Publishing Company verschiedenen Pamphleten der Österreichischen Schule. Auf der anderen Seite besitzen die Gesellianer und die Österreicher eine bewunderswerte Konsequenz, die mit Sicherheit nicht bei orthodoxen Ökonomen zu finden ist. Es war vielmehr der Tonfall der verschiedenen Veröffentlichungen der Free-Economy Publishing Company, der allem Anschein nach dazu führte, daß Keynes "wie andere akademische Ökonomen ... seine (Gesells) tief originellen Bestrebungen als nichts Besseres als die eines Überspannten” behandelte. (1936,353, dt.299). Keynes schrieb, daß er erst später seine Meinung über Gesell geändert habe, als er auf seine Weise zu ähnlichen Schlußfolgerungen gelangt war. Nachdem er die "Natürliche Wirtschaftsordnung" gelesen hatte, war Keynes in der Lage, einen Unterschied zwischen Gesell und seinen Anhängern zu machen, so wie auch viele heutige Wissenschaftler Keynes von den Keynesianern trennen mußten: "Es ist zweckmäßig, an dieser Stelle den seltsamen, zu Unrecht übersehenen Propheten Silvio Gesell (1862 - 1930) zu erwähnen, dessen Werk Einfälle tiefer Einsicht enthält und der nur gerade eben verfehlte, bis zum Kern der Sache vorzudringen. In den Nachkriegsjahren bombardierten mich seine Anhänger mit Exemplaren seiner Werke; aber wegen gewisser offenkundiger Mängel seiner Beweisführung verfehlte ich vollständig, ihre Vorzüge zu entdecken. Wie so oft im Falle unvollkommen analysierter Eingebungen wurde ihre Bedeutung erst augenscheinlich, seitdem ich meine eigenen Folgerungen auf meine Art erreicht hatte. .. Trotz des prophetischen Schmuckes, mit dem ihn seine Verehrer ausgestattet haben, ist Gesells Hauptwerk in kühler, wissenschaftlicher Sprache geschrieben, obschon es durchweg von einer leidenschaft-licheren, einer erregteren Hingebung für gesellschaftliche Gerechtigkeit durchströmt ist, als manche für einen Gelehrten schicklich finden. .. Der Zweck des Buches als Ganzes kann als die Aufstellung eines antimarxistischen Sozialismus beschrieben werden, eine Reaktion gegen das Laissez-faire, auf theoretischen Grundlagen aufgebaut, die von jenen von Marx grundverschieden sind, indem sie sich auf eine Verwerfung statt auf eine Annahme der klassischen Hypothesen stützen und auf eine Entfesselung des Wettbewerbs statt auf seine Abschaffung. Ich glaube, daß die Zukunft mehr vom Geiste Gesells als von jenem von Marx lernen wird. Das Vorwort zu 'Die Natürliche Wirtschaftsordnung' wird dem Leser die moralische Höhe Gesells zeigen. Die Antwort auf den Marxismus ist nach meiner Ansicht auf den Linien dieses Vorwortes zu finden." (Keynes 1936, 353 und 355, dt. 298 und 300)

Der Ruf der Gesellianer nach einem "anti-marxistischen Sozialismus" erfuhr eine heftige Reaktion von Maurice Dobb (1936, 7-10), dem Marxisten aus Cambridge. Er verfaßte ein Pamphlet mit dem Titel "Social Credit Discredited" , das in demselben Jahr wie die "Allgemeine Theorie" veröffentlicht wurde. Dobb's Pamphlet war ein direkter Angriff auf einen anderen von Keynes' Ketzern, Major Douglas, der zwar intuitiv Richtiges erkannt, aber am wenigsten gründlich gearbeitet hat. Dobb erwähnte auch "das System Gesells”, das in reaktionären Kreisen viel zu Propagandazwecken benutzt werde. Der Ausdruck ”Macht des Geldes”, der in der Rhetorik der Verfechter des social credit eine auffallende Rolle spielt, diente auch als verschlüsselter Hinweis auf eine "jüdische Clique von internationalen Bankiers”. In den Schriften von Gesells Schülern, von denen einige selbst Juden waren, war dies viel weniger der Fall. Aber der Bezug wurde ausdrücklich von dem Faschisten Oswald Mosely in Großbritannien hergestellt.

Ich hatte aufgrund des Zeitpunktes seiner Veröffentlichung vermutet, daß Dobb's Pamphlet auch eine verschleierte Kritik an Keynes' "Allgemeiner Theorie" war. Aber Dobb's Biograph Brian Pollitt von der Universität Glasgow hat mich in einem Brief vom 29. Oktober 1993 eines Besseren belehrt: ".. Ich fände es ratsam, wenn Sie die Einstellung Dobb's zur Frage des Social Credit zu einem viel früheren Zeitpunkt ansetzen als im Jahr 1936 und dem Erscheinen der "Allgemeinen Theorie". Als Dobb 1922 sein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Cambridge abschloß, griff er Major Douglas in einem Artikel "Does the World Need More Money? A Reply to Major Douglas” ("Communist Review" vom Mai 1922, S.29-41). Dieser Artikel wurde im Juni(?)1992 in der Zeitschrift "Public Welfare” besprochen, dem Organ der Bewegung des Social Credit. Dobb's Angriff auf Social Credit ist also ganz unabhängig von Keynes' Arbeit in den dreißiger Jahren. Er bezieht sich im allgemeinen auf frühere, vereinfachtere Vorstellungen, die den Problemen des Kapitalismus den einfachen Ausweg "mehr Geld” entgegensetzten. Im Kontext der Jahre 1935/36 vermute ich, daß die ökonomischen Theorien, die Oswald Mosely als Führer der British Union of Fascists vertrat und die in mancher Hinsicht denen der Social-Credit-Bewegung sehr ähnlich zu sein schienen, eher eine Zielscheibe des Angriffs von Dobb waren als Keynes. Das faschistische Italien und Nazi-Deutschland waren natürlich zwei engverbunde, eindeutige Fälle, in denen Defizit-finanzierte Staatsausgaben für Arbeitsplatzbeschaffung (verbunden mit Wiederaufrüstungsprogrammen) in Keynes'schem Stil Staatspolitik waren. Das war der Grund, weshalb einige Marxisten wie Jürgen Kuczynsky - aber nicht Dobb - Keynes und sogar Joan Robinson als "Neofaschisten” bezeichneten.

Was ist also der wesentliche Inhalt von Gesells Erläuterungen im Vorwort zur "Natürliche Wirtschaftsordnung"? Worin besteht die, laut Keynes, "moralische Höhe” Gesells? Was sind die Grundzüge eines "antimarxistischen Sozialismus”?

Gesell (1934, xii-xiv, dt. XVI im Band 11 der Gesammelten Werke) verteidigte am Beginn seines Vorwortes ganz energisch ein Wirtschaftssystem, das auf individueller Befriedigung und Eigennutz basiert: "Die religiösen Forderungen des Christentums dürfen wir nicht auf die Wirtschaft übertragen; sie versagen hier und schaffen nur Heuchler." Zugleich trat er einem zentralen Irrtum der meisten unbeugsamen Verfechter des ökonomischen Individualismus, der Vertreter des Manchestertums, entgegen. Zwar brachte Gesell ganz offen seine Begeisterung für das Manchestertum zum Ausdruck: "Diese natürliche Wirtschaftsordnung könnte man auch als 'Manchestertum' bezeichnen, jene Ordnung, die den wahrhaft freien Geistern immer als Ziel vorgeschwebt hat - eine Ordnung, die von selber, ohne fremdes Zutun steht und nur dem freien Spiel der Kräfte überlassen zu werden braucht, um alles das, was durch amtliche Eingriffe, durch Staatssozialismus und behördliche Kurzsichtigkeit verdorben wurde, wieder ins richtige Lot zu bringen." (Band 11, XVII) Andererseits war Gesell weit davon entfernt, ein Anarcho-Liberalist zu sein. Vielmehr war er der Meinung, daß der Staat die Aufgabe habe, die rechtliche Ordnung aufrechtzuerhalten, innerhalb der der individuelle Unternehmungsgeist genügend Spielraum hat, um dauerhaften Wohlstand zu schaffen. Der Staat muß sich so verhalten, daß "ein wirklich freies Spiel der Kräfte” möglich wird, statt, wie es in der Vergangenheit geschehen ist, "das freie Spiel der wirtschaftliche Kräfte zu zerstören”.

Gesell (1934, xiv-xvi) brach in viererlei Hinsicht mit der Manchesterschule. Das "freie Spiel der wirtschaftlichen Kräfte” würde seiner Einschätzung nach keineswegs zu vier erwünschten Resultaten führen, die das Manchestertum prophezeite. (1) Ein System des reinen laissez-faire würde den Zinsfuß nicht gegen Null treiben. (2) Es würde nicht zu einer weitaus gerechteren Verteilung des Reichtums führen. (3) Es würde die Wirtschaftskrisen nicht beseitigen. Und (4) würde es in der Bevölkerung kein besteuerbares Vermögen hervor-bringen und somit auch nicht jedwede Verschuldung überwinden. Im Grunde würden die heilsamen Wirkungen des Manchestertums nicht zum Tragen kommen, weil ".. die Manchesterleute aufgrund ihrer Unkenntnis der Geldtheorie kritiklos das traditionelle Geldsystem übernahmen, das versagt, sobald sich die Wirtschaft im Sinne der manchesterlichen Erwartungen entwickelt." Und Gesell schlußfolgerte: "Die Manchesterleute wußten nicht, daß das Geld den Zins zur Bedingung seiner Tätigkeit macht, daß die Wirtschaftsstockungen, der Fehlbetrag im Haushaltsplan der erwerbenden Klasse und die Arbeitslosigkeit einfach Wirkungen des herkömmlichen Geldes sind." (Band 11, XIX - XX)

Um die Grenzen des Manchestersystems, die auf einem mangelhaften Geldsystem basieren, zu überwinden, müsse der Staat Maßnahmen ergreifen, die sowohl das Geld als auch das Land befreien; er müsse die notwendigen Schritte unternehmen, um die Geldzinsen und die Bodenrente zu beseitigen. Dann, und erst dann, würden die Voraussetzungen für ein "wahrhaft freies Spiel der wirtschaftlichen Kräfte” geschaffen. Unter den Bedingungen eines Geldsystems, das beispielsweise als Stempelgeldsystem eingerichtet ist, würden eine unverfälschte "natürliche Auslese” (oder Wettbewerb) und eine reine Leistungsgesellschaft möglich. Eine reine Leistungs-gesellschaft war Gesells Idealvorstellung: "Die Auslese durch den freien, von keinerlei Vorrecht mehr gefälschten Wettbewerb wird in der natürlichen Wirtschaftsordnung vollständig von der persönlichen Arbeitsleistung geleitet, wird also zum einem Sichauswirken der Eigenschaften des einzelnen Menschen." (Band 11, XX)

Worin bestand die Alternative zum Manchestersystem einschließlich Gesells Verbesserung des Geldwesens? In nichts geringerem als der gefürchteten Bestie des Kommunismus, einem Gesellschaftssystem, das nach Gesells Ansicht im Widerspruch zum Individualismus stand: "Wir haben zu wählen zwischen der Beseitigung der Baufehler unserer alten Wirtschaftsweise und dem Kommunismus, der Gütergemeinschaft. Ein anderer Ausweg ist nicht da... Wahrhaftig, ein für die Betreffenden musterhafter Zustand, der nur von denjenigen nicht als das goldene Zeitalter anerkannt wurde, die von diesen Freiheiten infolge der Baufehler unserer im Grundgedanken richtigen Wirtschaft keinen Gebrauch machen konnten - von den Proletariern. Sind aber diese Klagen der Proletarier, sind die Baufehler in unserer Wirtschaft nun ein Grund, um diese selbst zu verwerfen und dafür ein Neues einzuführen, das diese Freiheiten

a l l e n rauben und das g a n z e Volk in die allgemeine Gebundenheit stürzen soll ? Wäre es nicht im Gegenteil vernünftiger, die Baufehler zu beseitigen, die klagende Arbeiterwelt zu erlösen und dadurch allen Menschen, restlos allen, die wunderbare, im Grundplan liegende Freiheit zugänglich zu machen ?" ( XX und XXII im Band 11 )

Und natürlich war Gesells Anschauung über den besten "Ausweg” in einem philosophischen Individualismus begründet: "Aus dem Kapitalismus müssen wir heraus; das erkennen sogar die Kapitalisten selbst. Der Bolschewismus oder Kommunismus mag für unentwickelte Kulturzustände, wie man sie noch vielfach auf dem Lande in Rußland antrifft, möglich sein, aber für eine hochentwickelte, auf Arbeitsteilung eingerichtete

Volkswirtschaft sind solche vorgeschichtlichen Wirtschaftsformen nicht anwendbar. Der Europäer ist den von dem Kommunismus untrennbaren Gebundenheiten entwachsen. Er will frei sein, nicht allein frei von der kapitalistischen Ausbeutung, sondern auch frei von den behördlichen Eingriffen, die sich doch beim Zusammenleben in einer auf Kommunismus eingerichteten Gemeinschaft nicht vermeiden lassen." ( XXV und XXVI im Band 11 )

Die Verstaatlichung der Industrie und eine Planwirtschaft seien falsche Wege. Die Verstaatlichung von Land und ein System des gestempelten Geldes könnten hingegen Bedingungen schaffen, unter denen der Einzelne sich entfalten könnte und ein allgemeiner wirtschaftlicher Aufschwung möglich würde. Eine 'kapitalistische Ausbeutung' könnte vermieden werden, indem man den Kapitalismus erfolgreicher macht, d.h. so effektiv, daß er mittels entsprechender Veränderungen zu einer Überflußwirtschaft wird.

Wie läßt sich diese Anschauung mit der "Sozialphilosophie” vergleichen, die Keynes in der "Allgemeinen Theorie" vertritt? Nachdem er seine "allgemeine Theorie” als Alternative zur "klassischen Theorie” vorgestellt hatte, legte Keynes am Ende des Buches ausführlich dar, welche Folgen sich daraus für die Sozialpolitik ergeben. Diese Ausführungen legen den Schluß nahe, daß Keynes hinsichtlich der Ausweitung der Rolle des Staates weitergehen wollte als Gesell, wobei jedoch noch immer ein großer Spielraum für den Individualismus bliebe: "In einigen anderen Beziehungen ist die vorgehende Theorie in ihren Folgerungen gemäßigt konservativ. Denn während sie auf die lebenswichtige Bedeutung der Erstellung gewisser zentraler Leitungen in Sachen hinweist, die nun in der Hauptsache der einzelnen Initiative überlassen sind, gibt es doch weite Gebiete der Tätigkeit, die unberührt bleiben. Der Staat wird einen leitenden Einfluß auf den Hang zum Verbrauch teilweise durch ein System der Besteuerung, teilweise durch die Festlegung des Zinsfußes und teilweise vielleicht durch andere Wege ausüben müssen. Ferner scheint es unwahrscheinlich, daß der Einfluß der Bankpolitik auf den Zinsfuß an sich genügend sein wird, um eine Optimumrate der Investition zu bestimmen. Ich denke mir daher, daß eine ziemlich umfassende Verstaat-lichung der Investition sich als das einzige Mittel zur Erreichung einer Annäherung an Vollbeschäftigung erweisen wird; obschon dies nicht alle Arten von Zwischenlösungen und Verfahren ausschließen muß, durch welche die öffentliche Behörde mit der privaten Initiative zusammenarbeiten wird. Aber darüberhinaus wird keine offensichtliche Begründung für ein System des Staatssozialismus vorgebracht, das den größten Teil des wirtschaftlichen Lebens des Gemeinwesens umfassen würde. Es ist nicht der Besitz der Erzeugungsgüter, deren Aneignung wichtig für den Staat ist. Wenn der Staat die der Vermehrung dieser Güter gewidmete Gesamtmenge der Hilfsmittel und die grundlegende Rate der Belohnung an ihre Besitzer bestimmen kann, wird er alles erfüllt haben, was notwendig ist. Die notwendigen Maßnahmen der Verstaatlichung können überdies allmählich eingeführt werden und ohne einen Bruch in den allgemeinen Überlieferungen der Gesellschaft.

Unsere Kritik der akzeptierten klassischen Theorie der Wirtschaftslehre bestand nicht so sehr darin, logische Fehler in ihrer Analyse zu finden, als hervorzuheben, daß ihre still-schweigenden Voraussetzungen selten oder nie erfüllt sind, mit der Folge, daß sie die wirtschaftlichen Probleme der wirklichen Welt nicht lösen kann. Wenn es aber unseren zentralen Leitungen gelingt, eine Gesamtmenge der Erzeugung festzusetzen, die mit Vollbeschäftigung so nah als durchführbar übereinstimmt, wird die klassische Theorie von diesem Punkt an wieder zu ihrem Recht kommen. Wenn wir die Menge der Produktion als gegeben annehmen, das heißt als von Kräften außerhalb des klassischen Gedankensystems bestimmt, dann kann kein Einwand gegen die klassische Analyse erhoben werden über die Art, in der privates Selbstinteresse bestimmen wird, was im einzelnen erzeugt wird, in welchen Verhältnissen die Erzeugungsfaktoren vereinigt werden, um es zu erzeugen, und wie der Wert des endgültigen Erzeugnisses unter ihnen verteilt wird. Oder, wenn wir anderweitig das Problem der Sparsamkeit behandelt haben, kann kein Einwand gegen die moderne klassische Theorie erhoben werden über den Grad der Vereinbarkeit zwischen privatem und öffentlichem Vorteil unter Zuständen des vollkommenen Wettbewerbs einerseits und des unvollkommenen andererseits. Von der Notwendigkeit zentraler Leitung für die Herbeiführung eines Ausgleichs zwischen dem Hang zum Verbrauch und der Veranlassung zur Investition abgesehen, besteht somit nicht mehr Grund für die Verstaatlichung des wirtschaftlichen Lebens als zuvor.

Um den Punkt konkret darzustellen: ich sehe keinen Grund anzunehmen, daß das bestehende System die in Gebrauch befindlichen Erzeugungsfaktoren ernstlich fehlbeschäftigt. Es kommen natürlich Fehler in der Voraussage vor; aber diese würden durch eine Zentralisierung der Entscheidungen nicht vermieden werden. Wenn von 10.000.000 arbeitswilligen und arbeitsfähigen Menschen 9.000.000 beschäftigt werden, liegen keine Beweise dafür vor, daß die Arbeit dieser 9.000.000 Menschen fehlgeleitet wird. Die Beschwerde gegen das gegenwärtige System ist nicht, daß diese 9.000.000 Menschen für andere Aufgaben beschäftigt werden sollten, sondern daß Aufgaben für die übrigen 1.000.000 Menschen verfügbar sein sollten. Das bestehende System ist in der Bestimmung der Menge und nicht in der Richtung der tatsächlichen Beschäftigung zusammengebrochen.

Ich stimme somit mit Gesell überein, daß das Ergebnis der Lückenausfüllung in der klassischen Theorie nicht darin besteht, das 'Manchestersystem' aufzugeben, sondern die Natur der Umwelt zu bestimmen, die das freie Spiel der wirtschaft-lichen Kräfte erfordert, wenn es die vollen Möglichkeiten der Erzeugung verwirklichen soll. Die zentralen Leitungen, die für die Sicherung von Vollbeschäftigung erforderlich sind, bringen natürlich eine große Ausdehnung der überlieferten Aufgaben der Regierung mit sich. Außerdem hat die moderne klassische Theorie selbst die Aufmerksamkeit auf verschiedene Zustände gelenkt, in denen es notwendig sein mag, das freie Spiel der wirtschaftlichen Kräfte zu zügeln oder zu leiten. Aber es wird immer noch ein weites Feld für die Ausübung der privaten Initiative und Verantwortung verbleiben. Innerhalb dieses Feldes werden die überlieferten Vorteile des Individualismus immer noch Geltung haben." (Keynes 1936, 378-380, dt. 318-320)

Im unmittelbar darauffolgenden Abschnitt hob Keynes hervor, wie entscheidend ein liberales Ethos als Wegweiser für eine Gestaltung der Gesellschaft ist: "Halten wir einen Augenblick ein, um uns zurückzurufen, was diese Vorteile sind. Sie sind teilweise Vorteile der Leistungsfähigkeit - die Vorteile der Dezentralisation und des Spiels des Selbstinteresses. Die Steigerung der Leistungsfähigkeit, die sich aus der Dezentralisation der Entscheidungen und der einzelnen Verantwortung ergibt, ist vielleicht noch größer, als das 19. Jahrhundert annahm; und die Gegenbewegung, die dem Aufruf an das Selbstinteresse folgte, mag zu weit gegangen sein. Vor allem aber ist der Individualismus, wenn er von seinen Mängeln und Mißbräuchen gereinigt werden kann, die beste Gewähr der persönlichen Freiheit in dem Sinne, daß er im Vergleich zu anderen systemen das Feld für die Ausübung der persönlichen Auswahl stark erweitert. Er ist auch die beste Gewähr für die Vielseitigkeit des Lebens, die gerade aus diesem weiten Feld der persönlichen Auswahl hervorgeht und deren Verlust der größte aller Verluste des gleichgearteten oder totalen Staates ist." (Keynes 1936, 380, dt. 320-321)

Keynes teilte offensichtlich Gesells Wunsch nach einer Veränderung des Kapitalismus, die ihn gegen den 'Bolschewismus' immun machen würde. Die Grundlage für Keynes' Bereitschaft, eine "ziemlich umfassende Verstaatlichung der Investition” zu vertreten, oder was er an früherer Stelle als "liberalen Sozialismus” bezeichnet hat, ergab sich direkt aus seiner Kritik an Gesells Vorschlag, gestempeltes Geld einzuführen - daß nämlich dies einfach nicht genüge, um Vollbeschäftigung zu erreichen. Außer dem Geld und dem Land würden andere Dinge die investitionshemmende Wirkung des zinstragenden Geldes übernehmen.

Keynes blieb Marx gegenüber sehr kritisch eingestellt. Typisch für seine Äußerungen war eine Bemerkung 1942 gegenüber Joan Robinson, Marx ”habe einen scharfsinnigen und ursprünglichen Instinkt, sei aber doch ein sehr mangelhafter Denker...” (Moggridge, 1992, 470) Donald Moggridge beobachtete, daß Keynes abgesehen von der Tatsache, daß er " ... Marx gegenüber 'offenkundig stocktaub' war ... den sowjetischen Kommunismus in den 30er Jahren verabscheute - mehr noch als in den 20er Jahren” (ebd.) Moggridge gibt ein Zitat von Keynes wieder, der den Sowjetkommunismus als "'das schlimmste Beispiel (beschreibt), das die Welt wohl je an administrativer Inkompetenz gesehen hat und dem fast alles zum Opfer fällt, was das Leben für Dummköpfe lebenswert macht.'” Und er beschreibt, wie Keynes "Stalins Schauprozesse und Säuberungsaktionen mit entsetzer Faszination” betrachtet hat. (ebd.)

Doch Keynes' feindselige Einstellung gegenüber dem Kommunismus oder zumindest gegenüber den britischen Befürwortern des Kommunismus war nicht so stark ausgeprägt wie die Gesells. Während er sich in der Öffentlichkeit immer negativ über das sowjetische Experiment und Karl Marx äußerte, blieb Keynes der jüngeren Generation von Kommunisten, dem Geheimbund an der Universität von Cambridge, verbunden, obwohl dort viele offen ihre Begeisterung für den Kommunismus zum Ausdruck brachten und einige schließlich als sowjetische Agenten fungierten. Zu ihnen gehörten Anthony Blunt, Guy Burgess und Michael Straight. Keynes war ein unerschrockener Schwärmer für "die jungen Amateurkommunisten”, nicht aber für "die professionellen Kommunisten.” (ebd. , 1992).

Dennoch gelangte Keynes' Erwägung der kommunistischen Alternative vermutlich nicht in erster Linie durch seinen philosophischen Liberalismus an ihre Grenzen. Keynes' im Grunde elitärer Geist mußte schon im Prinzip durch die Gleichmacherei des Kommunismus in Unruhe versetzt werden. Keynes konnte prinzipiell nicht die Vorteile einer Welt ins Auge fassen, in der die Arbeiterklasse an der Macht war: "Es ist leicht, sich Keynes (den Liberalen) als zumindest potentielles Mitglied der Konservativen Partei von Macmillan und Butler vorzustellen - die beide seine engen Freunde wurden, was man von keinem führenden Politiker der Labour Party sagen konnte. Er bewunderte das elitäre Wesen des Konservatismus: 'Der innere Kreis der Partei kann praktisch die Details und Methoden der Staatsführung diktieren', bemerkte er bewundernd. Er wandte sich einzig und allein gegen elitäre Dummheit. Keynes glaubte an angeborene Fähigkeiten der Menschen und beklagte einzig die Tatsache, daß der Konservatismus mit seinem Festhalten am Erbprinzip verhindere, daß eine natürliche Fähigkeit an die Spitze gelange. Eine konservative Partei unter Führung von Männern in der Tradition von Oxford und Cambridge hätte seinen Widerspruch nicht in dem Maße hervorgerufen wie eine Partei, die die Kabinette noch immer mit Herzögen bestückte. Und als er älter wurde, und selbst ins Oberhaus gelangte, erschienen ihm die mit dem Erbprinzip verbundene Dummheit und Klassenvorurteile weniger schädlich als ähnliche Tendenzen in der Labour Party ...Keynes wandte sich entschieden gegen das Klassendenken der sozialistischen Ideologie und Politik. 'Sie (die Labour Party) ist eine Klassenpartei, und die Klasse ist nicht meine Klasse. Wenn ich überhaupt partikularistische Interessen verfolge,dann werde ich meine eigenen wahrnehmen ...'” (Skidelsky, 1992, 232-233)

Indem er seine eigenen Interessen verfolgte, mußte Keynes fast zwangsläufig Gesell entdecken, eine weitere Stimme, die für einen 'Mittelweg' zwischen Bolschewismus und Manchestertum eintrat. Es war eine Stimme, die so stark Keynes' eigener Vision entsprach, daß er sich vorübergehend zu dem Versuch veranlaßt sah, Gesell der Vereinnahmung durch die propagandistischen Aktivitäten der Gesellianer zu entziehen. Daher finden wir in Keynes' "Allgemeiner Theorie" Abschnitte, die 'in hohem Maße beeinflußt sind' von Gesells "anti-marxistischem Sozialismus”, den Keynes positiver als "liberalen Sozialismus” bezeichnete.

Literaturhinweise

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Skidelsky, R.: John Maynard Keynes: The Economist As Saviour 1920 - 1937. London: 
           Macmillan, 1992.
 

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